Claude Garamond. Notizen

In diesen Tagen lese ich Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco. Und darin stosse ich immer wieder auf den Namen Claude Garamont. Eco benutzt freilich nur den Namen. Aber, wer ist er? Hier ein Auszug aus der deutschen Wikipedia.

Claude Garamont (geboren zwischen 1490 und 1510, gestorben 1561 in Paris), heutige Schreibweise meist Claude Garamond, war ein in der französischen Hauptstadt ansässiger Stempelschneider und Schriftgestalter, der kurzzeitig auch als Buchdrucker und Verleger tätig war. Garamond war ein angesehener Graveur von Schriftmatrizen. Die auf ihn zurückgehenden Garamond-Schriften zählen bis heute zu den verbreitetsten Schriftarten. Darüber hinaus gelten sie als das Parademodell der französischen Renaissance-Antiqua. Typografiexperten sowie Fachhistoriker des 20. Jahrhunderts räumen Garamond in Bezug auf die Entwicklung der Druckschriften eine überragende Bedeutung ein.

Garamonds in den Besitz unterschiedlicher Stempelschneider und Schriftgießereien übergegangene Hinterlassenschaft löste im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Kontroversen aus bezüglich der Originalgetreue der noch vorhandenen Muster und Matrizen. Ungeachtet dessen erlebten Garamond-Schriften seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine bis heute anhaltende Renaissance. Ausdruck dieses anhaltenden Interesses sind die zahlreichen im Einsatz befindlichen Garamond-Computerschriften, wie beispielsweise die im klassischen Buchsatz weitverbreiteten Schriften Sabon, Stempel Garamond und Adobe Garamond.

Wikipedia: Claude Garamont

Vielen von uns ist die Schrifttype Garamond schon begegnet und auch wenn sie heute ein wenig sehr altmodisch daherkommt: ich habe dann trotzdem mal meine internen Dokumente verändert.

Leïla Slimani. All das zu verlieren

Leïla Slimani - All das zu verlieren
Leïla Slimani – All das zu verlieren

Leïla Slimani. All das zu verlieren. Ich las einfach drauf los. Und hielt mich ab, Fragen an mich zu stellen oder zu beantworten. Aber, worum geht es? Adèle arbeitet als Journalisten bei einer Pariser Tageszeitung. Sie ist verheiratet mit einem Chirurgen und hat einen Sohn. Adèle lebt dieses Leben, dass nach Außen wirkt wie ein glückliches Leben aber Adèle ist nicht glücklich. Sie trifft sich mit wildfremden Männern, ihr Leben droht ihr zu entgleisen. Sie kann nicht aufhören, kann oder will sich nicht einreihen in das vorgezeichnete Leben.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich einige Tage über den Text nachgedacht und habe, was ich sonst niemals mache, andere Texte über das Buch gelesen. Da wird oft gemäkelt an der formalen Konstruktion des Textes, es würde an einigen Stellen nicht funktionieren. Für mich funktioniert der Text sehr gut. Seine Intensität und seine schonungslosen Beschreibungen haben mich überrascht. Slimani beschreibt eine Figur, die offen, selbst bestimmt und möglicherweise zu ihrem eigenen Schaden sexuelle Phantasien auslebt. Immer wieder. Und ohne Rücksicht auf Verluste. Adèle macht weder das Leben in den geordneten Bahnen ihrer Ehe, noch das Leben als Mutter glücklich. Sie ist getrieben. Aber auch die sexuellen Begegnungen machen sie fast nie glücklich oder wenigstens zufrieden. Es scheint, als rebelliere sie, begehre sie auf gegen die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Mir kam eine Textzeile aus einem Song in den Sinn: »I am nobody’s princess«. Der Track »Dreamers« stammt von Christina Aguilera’s Album Liberation. In dem Track kommen Mädchen zu Wort. Sie bringen vor, was sie im Leben erreichen wollen. Sie schreien: Selbstbestimmung! Wir wollen unser Schicksal selber bestimmen, ohne das andere Menschen Einfluss nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass Adèle das gefallen würde.

Für ihren zweiten Roman Chanson douce (auf Deutsch erschienen unter dem Namen Dann schlaf auch du) wurde Leïla Slimani 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Chanson douce wurde zudem auch verfilmt. Ich freue mich auf Chanson douce und alle Bücher danach.

Carla Hinrichs. Meine verratene Generation. Wie der Staat uns alle verrät

Meine verratene Generation - Wie der Staat uns alle verrät

Die Letzte Generation. Ich glaube, zur letzten Generation haben alle eine Meinung. Über die Zeit hat sich diese sicher bei vielen auch verändert. Das sollte sie jedenfalls haben, wie ich finde. Als ich diese Gruppe von Aktivist*innen die ersten Male wahrgenommen wurde, waren das noch nicht die Aktionen des Sich-Festklebens. Es waren die Kunstwerke, Gemälde, die sie in großen Museen mit bunter Flüssigkeit voll geschüttet hatten. Meine erste Reaktion war, dass ich abwehrend reagieren wollte. Ich unterdrückte diesen ersten Impuls, damals. Ich las über die Aktionen, aber noch mehr las ich über die, die sie ausführten. Mein Zorn wich sehr schnell, daraus wurde direkt danach Scham; Scham, dass ich nicht mehr wusste über diese jungen Menschen. Ich las von ihrem Wertekanon. Friedlich. Gewaltlos. Und die Flüssigkeiten auf den Gemälden waren leicht entfernbar und sie recherchierten auch vorher, dass die ausgewählten Kunstwerke geschützt seien. Ich empfand immer mehr, eingenommen zu sein von diesen Aktionen bzw. davon, wie durchdacht diese Aktionen waren und ich fragte mich, wie verzeifelt eine Generation sein musste, um solche Aktionen zu machen. Für mich wurde spätestens beim Sich-Fest-Kleben aus vorsichtigem Unterstützen-Wollen ein deutliches und unverrückbares verteiligen. Ich bin also nicht objektiv. Natürlich bin ich das nicht. Wie könnte man das auch sein? Es geht um die Welt in der wir leben. Es geht um die Gegenwart, die auch meine ist und um die Zukunft, die zu einem kleineren Stück meine sein wird, die aber zum größeren Teil anderen gehören wird und soll. Und ich will nicht nur Sorgen und Probleme übergeben.

Carla Hinrichs. Sie ist für die Öffentlichkeit zuerst ein Gesicht der Letzten Generation. Die Letzte Generation verfolgt das Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen der Regierungen zur Einhaltung des Übereinkommens von Paris und des 1,5-Grad-Ziels zu erzwingen. So erklärt die deutsche Wikipedia die Ziele und auch das Selbstverständnis der Mitglieder. Diese Erklärung ist natürlich nur die innerste Essenz dessen, was die Letzte Generation ist oder, was sie war. Carla Hinrichs hat ein Buch geschrieben und uns vorgelegt. In Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät legt Hinrichs nun einen Bericht vor, indem sie die Geschichte der Gruppe aus großer Nähe geschildert hat. Dieser Text ist mehr als ein Bericht. Es ist einerseits eine Schilderung ihrer persönlichen Geschichte, wie sie, Schritt für Schritt, zu einer Aktivistin wurde. Das Buch liest sich wie das Zeugnis von Jemandem, der keine andere Chance hatte und genau das macht diesen Text aus meiner Sicht unglaublich stark. Die Entwicklung hin zu Aktionen, die zivilen Ungehormsam geradezu notwendig machen, Schritte hin zu einer Entwicklung, die alternativlos wurde für sie und so viele andere junge Menschen. Was sie schreibt ist zutiefst geprägt von inneren Haltungen, die erarbeitet wurden. Ich bin ein alter, weißer Mann und aufgewachsen mit dem Begriff des zivilen Ungehorsams und für mich ist dies ein positiv besetzter Begriff. Wir alle sollten viel mehr Ungehorsam zeigen. Bereiche, in denen das notwendig ist, sind beinahe zahllos.

In Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät erzählt die Autorin aber eine noch größere Geschichte. Es ist die Geschichte eines Staates, der mit machtvollen Mitteln eine Gruppe von Aktivist*innen mundtot machen will. Die Wahl der juristischen Mittel wurden dereinst zur Bekämpfung von Terriorismus ersonnen. Jetzt werden sie angewandt gegen Bürger, die sich engagieren. Menschen sollen mundtot gemacht, sollen kriminalisiert werden. Das alles geschieht, während gleichzeitig derselbe Staat seine Pflichten gegenüber allen Bürgern an etlichen Stellen tagtäglich nicht nachkommt. Der Text zeichnet ein eindrückliches und beklemmendes Bild einer Gesellschaft, die sich lieber selber belügt und die, die Tatsachen verargumentieren, kriminalisiert anstatt eine lebenswerte Zukunft überhaupt möglich zu machen. Dieses Buch sollte Teil von Unterricht werden, die Autorin und ihre Mitstreiter sollten von uns allen die Wertschätzung erfahren, die Ihnen zusteht. Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät ist Bekenntnis und die Autorin und ihre Mitstreiter sind Vorbilder. Sowas von Leseempfehlung!