Über (Eigen)Verantwortung

Zusammengehörigkeit(en)
Zusammengehörigkeit(en)

Bild: Karacis Studio, Unsplash

Ich musste neulich mit dem Zug fahren. Die Fahrt war lang, ich musste einige Male umsteigen. Im ersten Zug betrat ich den Waggon, wollte mir einen Platz suchen, aber egal wohin ich geschaut habe, ich war umgeben von unfreundlichen Gesichtern und unfreundlichen Kommentaren und Gesten. Ich fand nach längerer Suche einen Platz. Neben und vor mir wurde ich begrüßt von unfreundlichen Gesten und Geräuschen und auch als ich schon eine ganze Weile meinen Platz gefunden hatte, habe ich mich unwohl gefühlt. Ich habe meinen Koffer verstaut in eine Ablage, ich habe sorgsam darauf geachtet, nicht zu viel Platz einzufordern.

Glücklicherweise bin ich schon nach gut 30 Minuten umgestiegen. Auch an diesem Bahnhof lief ich am Bahnsteig zu meinem Waggon und stieg erst dann ein. Ein Zugbegleiter lächelte mich an und signalisierte mir mit einem entschuldigenden Lächeln, dass der Zug sehr voll war. Ich habe kurz etwas gesagt, dass das ja zu dieser Reisezeit und auf dieser Strecke erwartbar sei, es sei doch alles prima. Ich bekam ein dankbar strahlendes Lächeln zurück, ging zu meinem reservierten Sitzplatz und bat eine dort sitzende Person, mich auf den reservierten Platz zu lassen. Wir mussten beide lachen und sie meinte, sie wäre nur froh gewesen, ihr ganzen Kram untergebracht zu haben und schaute um sich herum. Wie sich herausstellte, hatte sie eine Platzreservierung direkt neben mir. Zwei Sätze später hatten wir festgestellt, dass wir beide bis zur Endstation bleiben würden und kamen überein, alles beim Alten zu lassen, jeder behielt also seinen Platz, obwohl wir falsch saßen. Wir scherzten und lästerten ein wenig über die unvermeidlich wichtigen Mitreisenden, die man schon an ihren Blicken erkennen könne und, oft, auch an der Laustärke ihrer Äußerungen. War das nun ein Verhalten, dass, wenn es mehr Leute leben würden, uns alle umbringen würde? Ich meine nein. Schaut ihr selber lieber in entspannte Gesichter oder in verkrampfte, unentspannte, Gesichter? Werdet ihr lieber angblafft oder macht es mehr Spaß, sich entspannt ein wenig zu unterhalten? Über (Eigen)Verantwortung weiterlesen

Georges Simenon. Kommissar Maigret. Die Fälle 35-41

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Von Jack de Nijs für Anefo / Anefo – Nationaal Archief, CC0, Link

Die Fälle von Georges Simenon beschäftigen mich immer noch. Ich höre sie als Hörbücher und bin mittlerweile bei den Fällen 35-41. Gerade höre ich Maigret und sein Revolver an, das ist der 40. Fall der Sammlung. Walter Kreye liest die Geschichten und ich habe mich sehr an seine Stimme gewöhnt, mittlerweile gehört seine Stimme zu den Fällen, es ist (für mich) die Stimme Kommissar Maigrets.

Und die Fälle führen mich zuverlässig mal in die 1930er Jahre, mal in die Nachkriegsjahre, oft nach Paris, manchmal auch in die Provinz, denn Maigret ermittelt in ganz Frankreich, manchmal sogar im Ausland. Man taucht komplett ein in die Geschichten und Fälle, Simenon berichtet zwar liebevoll von den Figuren, aber man hört eigenartigerweise nichts vom heraufziehenden 2. Weltkrieg. Aber es gibt auf andere Art und Weise Einblicke, Simenon übt durch die Gedanken Maigrets gesellschaftliche Kritik. Er besucht in zwei Fällen die USA und Maigret ist geradezu erschreckt von dem herrschenden Reichtum, er wundert sich darüber, dass jeder ein eigenes Auto zu haben scheint, aber Maigret denkt auch darüber nach, was der Preis dieses Reichtums ist, nämlich die komplette Ausrichtung der Lebensentwürfe auf das Geld-Verdienen-Müssen, damit dieser Traum immer weitergehen kann. Am Ende jeden Buches fügt Simenon ein Postskriptum ein, das besagt, wo das Buch entstanden ist. Wir lesen von Farmen in den USA, von Schiffsreisen auf den Weltmeeren, von Wohnsitzen in der alten und der neuen Welt. Simenon galt damals als Massenautor, konnte aber von seinem Schreiben offenbar sehr gut leben. Das Eintauchen in diese aus heutiger Sicht so anderen Welten fühlt sich schön an, auch wenn man spürt, dass zu lesen von diesen Zeiten schön sein mag, in diesen Zeiten zu leben wahrscheinlich nicht immer schön war. Und ja, das Leben damals war wahrscheinlich vor allem als Mann schön. Die Frauenbilder, die Simenon zeichnet, sind arg limitiert. Das mag der Zeit damals entsprochen haben, aber die Reduzierung fällt schon arg ins Auge.

Die Bücher sind mir trotzdem wirklich sehr ans Herz gewachsen, genauso wie die Geschichten von Agatha Christie und ihren Detektiv*innen Miss Marple und Hercule Poirot. Und ich werde die Geschichten ganz sicher nicht zum letzten Mal angehört haben. Übrigens war ich überrascht, dass der Altersunterschied zwischen Simenon (13. Februar 1903) und Christie (15. September 1890) gar nicht so groß ist.

Ehrenamt weitergedacht

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Bild: @battenhall auf Unsplash

Immer, wenn ich in Zeitungen etwas lese über Ehrenamt oder im Fernsehen eine Reportage darüber gezeigt wird oder, wenn das Ehrenamt Hauptthema ist, dann habe ich, fast immer eine Frage: Wieso ist da eigentlich immer die Rede von den immer gleichen und sicher sehr lobenswerten Leuten, die Menschen im Altenheim besuchen, die beim THW sind oder der freiwilligen Feuerwehr und wieso ist niemals die Rede von all der Arbeit in digitalen Räumen?

Es fehlen mir Bereiche, die nicht minder ein Ehrenamt sind: Das Betreiben von Instanzen aus dem Bereich Fediverse. Ich will damit nicht sagen, dass alles, was dort geschieht, automatisch Ehrenamt ist. Allzu oft ist es das aber schon, denn wir sprechen da ja von Orten, an denen man sein kann und darf, und zwar ohne ein finanzielles Interesse. Menschen kümmern sich darum, diese Orte bereitzustellen. Menschen pflegen diese Orte, damit falsches Publikum draußen bleibt, Menschen sorgen dafür, dass sich alle, die sich bekennen zu den festgelegten Regeln, frei und sicher kommunizieren können. Und es fließt dabei kein Geld und das, obwohl der Betrieb dieser SafeSpaces Mühe kostet, Zeit und auch Geld.

Es wird Zeit, dass wir dafür sorgen, dass mehr Menschen lernen, dass Ehrenamt mehr Ebenen hat als die Wahl zwischen THW und freiwilliger Feuerwehr. Dabei ist mir wichtig zu betonen: ich finde es falsch, unterschiedliche Welten gegeneinander auszuspielen. Wir sind alle Teil einer komplexen und höchst unterschiedlichen Welt. Wir alle haben das Anrecht darauf, so wahrgenommen zu werden, wie wir wahrgenommen werden wollen. Und es ist einfach Zeit, dass wir allen, die sich dort oder anderswo engagieren, unsere Wertschätzung zeigen und diese auch öffentlich transportieren, und zwar nicht zuletzt an die, die noch am Rand stehen und vielleicht gar nicht wissen, dass sie nur einen, zwei Klicks weg sind von einer Welt, in der sie sicher sind und in der sie sich frei bewegen und organisieren können.

Disclaimer. Frei meint hier selbstredend nicht einen rechtsfreien Raum. Im Gegenteil bedeutet frei aus meiner Sicht, dass wir uns alle auf unserer Werteordnung bewegen und einschreiten, wenn Einzelne oder Gruppen sich herausnehmen als vermeintlich höher gestellte darüber zu richten, wer dazu gehört und wer nicht.