Mariah Blake: Die Vergiftung der Welt

Buchgefühl – Lesung und Gespräch · 25.04.2026 · 46 Min.

Aus der Shownotes des Podcasts übernommen: Michael Hickey steigt nach dem Tod seines Vaters auf den Dachboden und plötzlich fallen ihm die Plastikfässer mit der Warnung vor giftigen Gasen auf. Der Augenblick verändert sein Leben und die US-Politik.

Mariah Blake ist eine US-Amerikanische Investigativ-Journalistin, die ihre Artikel z.B. in der News York Times, The Atlantic, Mother Jones, The New Republic und anderen journalistischen Formaten veröffentlicht hat. Mit Die Vergiftung der Welt legt sie nun ein Buch vor, dass die Geschichte von PFAS erzählt und wie eine Industrie, die Gewinne über das Wohlergehen von uns allen stellt. PFAS, dass sind sogenannte Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, dass ist eine Chemie, die wir alle in vielen Produkten des täglichen Lebens benutzen, etwa in TEFLON-Pfannen, früher waren sie in Ski-Wachs, in der Medizintechnik usw.. Besonders sind diese chemischen Verbindungen, weil sie als sogenannte Ewigkeitschemikalien gelten. Das bedeutet: Einmal in der Umwelt, einmal in unseren Körpern, reichern sie sich weiter an, aber sie bauen sich niemals mehr ab.

Im Buchgefühl Podcast spricht Host*in Marie Schoeß mit der Autorin und es gibt eine Lesung, einen Auszug aus Die Vergiftung der Welt, die von der Schauspielerin Caroline Ebner vorgelesen wird.

Nach dem Anhören des Podcasts habe ich mir das Buch sofort gekauft. Die erzählte Geschichte führte mich noch weiter zu einem anderen Podcast. Auch da geht es um PFAS, aber anders als Blakes Buch wird eine europäische und auch eine deutsche Geschichte über PFAS erzählt. Das macht klar, dass PFAS ein Thema ist aus unser aller Alltag und nicht eine Geschichte aus dem fernen Amerika. Wie so oft gilt: Nichts, was hier erzählt wird ist neu. Und deshalb ist auch politisches Handeln bereits am Passieren. Aber natürlich gilt auch: An jedem neuen Tag arbeiten Lobbyisten, die für die chemische Industrie arbeiten daran, Gesetzentwürfe zu entschärfen oder sogar ganz zu kippen. Wir müssen also wehrhaft bleiben und werden und zwar dauerhaft, denn sobald die Aufmerksamkeit nachlässt, arbeiten finanziell bestens ausgestattete Lobbyverbände daran, ihre Gewinne zu sichern. Die Gesundheit von Menschen, die Unversehrtheit der Umwelt ist ihnen dabei IMMER vollkommen egal.

Leïla Slimani. Dann schlaf auch du

 

Leïla Slimani. Dann schlaf auch du
Leïla Slimani. Dann schlaf auch du

Dann schlaf auch du ist das Buch, dass Leïla Slimani den Durchbruch brachte. Und es ist der zweite Text, den ich von ihr gelesen habe. Dann schlaf auch du fühlt sich zugänglicher an als ihr erster Text, gleichzeitig enwickelt sich schnell eine große Verbundenheit mit der Hauptfigur Louise.

Miriam ist Anwältin, wurde aber schon kurz nach Abschluss des Studium schwanger und fand die Rolle als Mutter als genau das Leben, was sie wollte. Nach der Geburt ihres Sohnes ist sie zunehmend unglücklicher mit ihrem Leben und sehnt sich nach einer Neuausrichtung. Als sie zufällig einem Studienkollegen begegnet, der sich nach dem Studium selbstständig gemacht hat und der ihr kurz nach ihrer Begegnung einen Job anbietet, nimmt das Leben von Miriam Fahrt auf. Einzig die Betreuung der Kinder ist ein Problem. Miriam und Paul haben Glück, sie finden nach kurzer Suche Louise und stellen sie als Nounou für ihre beiden kleinen Kinder ein. Sehr schnell wird Louise zum eigentlichen Mittelpunkt der Kinder. Sie lieben Louise und Paul und Miriam gewöhnen sich gerne daran, dass sie nicht nur die Kinder in guten Händen wissen, sondern dass Louise auch ihnen das Leben schön macht. Sie macht die Wohnung zu einem Zuhause, sie kocht, sie macht Ausflüge mit den Kindern. Was Paul und Miriam gar nicht erst erfragen ist, wer Louise ist, was für ein Leben sie führt, woher sie kommt. So sehr sie die Annehmlichkeiten schätzen, die durch die unermüdlich liebevoll agierende Louise erschaffen werden, Paul und Miriam interessieren sich nicht wirklich für den Menschen Louise.

Leïla Slimani erzählt Louises Geschichte, es ist die Geschichte eines nicht gesehenen, nicht geschätzen Lebens. Die Geschichte entwickelt sich dramatisch, beinahe kann man sagen, dass in dieser Geschichte gleich auch noch ein Krimi mit erzählt wird. Aber aus meiner Sicht lese ich die Geschichte von Louise, ich lese von Verzicht, ich lese die Geschichte eines ausgenutzten, eines ausgebeuteten Menschen. Ich konnte das Buch nicht beiseite legen, sondern habe es quasi in einem Rutsch durchgelesen. Der Text ist bitterschön, er ist ein Schlag ins Gesicht, weil der Text das Handeln vieler Menschen aus einem Blickwinkel zeigt, den wir sonst nicht allzu oft zu sehen bekommen.

Leïla Slimani. All das zu verlieren

Leïla Slimani - All das zu verlieren
Leïla Slimani – All das zu verlieren

Leïla Slimani. All das zu verlieren. Ich las einfach drauf los. Und hielt mich ab, Fragen an mich zu stellen oder zu beantworten. Aber, worum geht es? Adèle arbeitet als Journalisten bei einer Pariser Tageszeitung. Sie ist verheiratet mit einem Chirurgen und hat einen Sohn. Adèle lebt dieses Leben, dass nach Außen wirkt wie ein glückliches Leben aber Adèle ist nicht glücklich. Sie trifft sich mit wildfremden Männern, ihr Leben droht ihr zu entgleisen. Sie kann nicht aufhören, kann oder will sich nicht einreihen in das vorgezeichnete Leben.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich einige Tage über den Text nachgedacht und habe, was ich sonst niemals mache, andere Texte über das Buch gelesen. Da wird oft gemäkelt an der formalen Konstruktion des Textes, es würde an einigen Stellen nicht funktionieren. Für mich funktioniert der Text sehr gut. Seine Intensität und seine schonungslosen Beschreibungen haben mich überrascht. Slimani beschreibt eine Figur, die offen, selbst bestimmt und möglicherweise zu ihrem eigenen Schaden sexuelle Phantasien auslebt. Immer wieder. Und ohne Rücksicht auf Verluste. Adèle macht weder das Leben in den geordneten Bahnen ihrer Ehe, noch das Leben als Mutter glücklich. Sie ist getrieben. Aber auch die sexuellen Begegnungen machen sie fast nie glücklich oder wenigstens zufrieden. Es scheint, als rebelliere sie, begehre sie auf gegen die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Mir kam eine Textzeile aus einem Song in den Sinn: »I am nobody’s princess«. Der Track »Dreamers« stammt von Christina Aguilera’s Album Liberation. In dem Track kommen Mädchen zu Wort. Sie bringen vor, was sie im Leben erreichen wollen. Sie schreien: Selbstbestimmung! Wir wollen unser Schicksal selber bestimmen, ohne das andere Menschen Einfluss nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass Adèle das gefallen würde.

Für ihren zweiten Roman Chanson douce (auf Deutsch erschienen unter dem Namen Dann schlaf auch du) wurde Leïla Slimani 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Chanson douce wurde zudem auch verfilmt. Ich freue mich auf Chanson douce und alle Bücher danach.