Carla Hinrichs. Meine verratene Generation. Wie der Staat uns alle verrät

Meine verratene Generation - Wie der Staat uns alle verrät

Die Letzte Generation. Ich glaube, zur letzten Generation haben alle eine Meinung. Über die Zeit hat sich diese sicher bei vielen auch verändert. Das sollte sie jedenfalls haben, wie ich finde. Als ich diese Gruppe von Aktivist*innen die ersten Male wahrgenommen wurde, waren das noch nicht die Aktionen des Sich-Festklebens. Es waren die Kunstwerke, Gemälde, die sie in großen Museen mit bunter Flüssigkeit voll geschüttet hatten. Meine erste Reaktion war, dass ich abwehrend reagieren wollte. Ich unterdrückte diesen ersten Impuls, damals. Ich las über die Aktionen, aber noch mehr las ich über die, die sie ausführten. Mein Zorn wich sehr schnell, daraus wurde direkt danach Scham; Scham, dass ich nicht mehr wusste über diese jungen Menschen. Ich las von ihrem Wertekanon. Friedlich. Gewaltlos. Und die Flüssigkeiten auf den Gemälden waren leicht entfernbar und sie recherchierten auch vorher, dass die ausgewählten Kunstwerke geschützt seien. Ich empfand immer mehr, eingenommen zu sein von diesen Aktionen bzw. davon, wie durchdacht diese Aktionen waren und ich fragte mich, wie verzeifelt eine Generation sein musste, um solche Aktionen zu machen. Für mich wurde spätestens beim Sich-Fest-Kleben aus vorsichtigem Unterstützen-Wollen ein deutliches und unverrückbares verteiligen. Ich bin also nicht objektiv. Natürlich bin ich das nicht. Wie könnte man das auch sein? Es geht um die Welt in der wir leben. Es geht um die Gegenwart, die auch meine ist und um die Zukunft, die zu einem kleineren Stück meine sein wird, die aber zum größeren Teil anderen gehören wird und soll. Und ich will nicht nur Sorgen und Probleme übergeben.

Carla Hinrichs. Sie ist für die Öffentlichkeit zuerst ein Gesicht der Letzten Generation. Die Letzte Generation verfolgt das Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen der Regierungen zur Einhaltung des Übereinkommens von Paris und des 1,5-Grad-Ziels zu erzwingen. So erklärt die deutsche Wikipedia die Ziele und auch das Selbstverständnis der Mitglieder. Diese Erklärung ist natürlich nur die innerste Essenz dessen, was die Letzte Generation ist oder, was sie war. Carla Hinrichs hat ein Buch geschrieben und uns vorgelegt. In Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät legt Hinrichs nun einen Bericht vor, indem sie die Geschichte der Gruppe aus großer Nähe geschildert hat. Dieser Text ist mehr als ein Bericht. Es ist einerseits eine Schilderung ihrer persönlichen Geschichte, wie sie, Schritt für Schritt, zu einer Aktivistin wurde. Das Buch liest sich wie das Zeugnis von Jemandem, der keine andere Chance hatte und genau das macht diesen Text aus meiner Sicht unglaublich stark. Die Entwicklung hin zu Aktionen, die zivilen Ungehormsam geradezu notwendig machen, Schritte hin zu einer Entwicklung, die alternativlos wurde für sie und so viele andere junge Menschen. Was sie schreibt ist zutiefst geprägt von inneren Haltungen, die erarbeitet wurden. Ich bin ein alter, weißer Mann und aufgewachsen mit dem Begriff des zivilen Ungehorsams und für mich ist dies ein positiv besetzter Begriff. Wir alle sollten viel mehr Ungehorsam zeigen. Bereiche, in denen das notwendig ist, sind beinahe zahllos.

In Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät erzählt die Autorin aber eine noch größere Geschichte. Es ist die Geschichte eines Staates, der mit machtvollen Mitteln eine Gruppe von Aktivist*innen mundtot machen will. Die Wahl der juristischen Mittel wurden dereinst zur Bekämpfung von Terriorismus ersonnen. Jetzt werden sie angewandt gegen Bürger, die sich engagieren. Menschen sollen mundtot gemacht, sollen kriminalisiert werden. Das alles geschieht, während gleichzeitig derselbe Staat seine Pflichten gegenüber allen Bürgern an etlichen Stellen tagtäglich nicht nachkommt. Der Text zeichnet ein eindrückliches und beklemmendes Bild einer Gesellschaft, die sich lieber selber belügt und die, die Tatsachen verargumentieren, kriminalisiert anstatt eine lebenswerte Zukunft überhaupt möglich zu machen. Dieses Buch sollte Teil von Unterricht werden, die Autorin und ihre Mitstreiter sollten von uns allen die Wertschätzung erfahren, die Ihnen zusteht. Meine verratene Generation – Wie der Staat uns alle verrät ist Bekenntnis und die Autorin und ihre Mitstreiter sind Vorbilder. Sowas von Leseempfehlung!

Posteingang: Asal Dardan. Traumaland

Es ist angekommen. Und ausgepackt. Und es ist soooo schön. Natürlich habe ich es noch nicht gelesen. Aber, da gibt es eine Option, weil ich zeitnah fertig werde mit meinem aktuellen Büchern. Und dann wäre da Raum und Zeit. Und die will ich, will ich, will ich mir unbedingt nehmen.

Asal Dardan, geboren 1978 in Teheran, ist in Cöllefornia, Bonn und Aberdeen aufgewachsen und hat Kulturwissenschaften (in Hildesheim) und Nahoststudien (in Lund) studiert. Ich wurde durch den Essayband Betrachtungen einer Barbarin auf sie aufmerksam, über den ich noch nicht geschrieben habe. Was erlauben Markus?

 

Georges Simenon. Maigret. Die Fälle 0 – 6

Foto: DAV

Meine Mutter mochte die Krimis um den Kommissaren Maigret, der ewig brummelnd, stoisch seine Fälle aufklärte. Damals war ich ein Kind und verbrachte mein Lese-Leben mit Asterix & Obelix. Viel später bekam Maigret ein Gesicht und eine Figur. Bruno Cremer spielte Maigret in einer französischen Serie und wenn ich heute, Jahrzehnte später, an die Figur Maigret denke, hat sie für mich immer noch viel von Bruno Cremer.

Der Audio Verlag. Ja, ich gehe meiner großen Vorliebe nach, Bücher anzuhören. Hier in Deutschland liest Walter Kreye die Bücher und ich mag seine Stimme und auch, was Kreye der Figur mitgibt. Da ist wieder diese Wärme, da ist eine aus der Zeit gefallene Sperrigkeit, die ich sehr mag. Wobei gilt: Wir sprechen von Büchern, die in den 1930er Jahren geschrieben wurden und so bekommen die Texte auch aus dieser Perspektive nochmal einen ganz eigenen Reiz. Allerdings sind die Texte nicht politisch. Maigret steht für Eigenständigkeit, er lässt sich nicht gerne rein reden in seine Arbeit und manchmal entscheidet er, dass manche Taten keine Strafverfolgung brauchen, sondern Täter schon genug gestraft sind. Vielleicht ist das ja schon sowas wie eine politische Haltung. Jedenfalls, wenn ich heute die Fälle anhöre, dann tauche ich ein in eine ganz andere Zeit. Da fällt mit heutigen Ohren angehört auch auf, dass manches Bild einer Frau eher stereotyp gezeichnet ist und auch andere Figuren gezeichnet sind, wie das eben damals empfunden wurde. Der Verlag hat hier, wenn ich es richtig deute, nicht korrigierend eingegriffen. Georges Simenon war ein Vielschreiber, es fällt auf, dass die Plots oft daherkommen wie ein Fünf-Personen-Stück. Der Fokus liegt auf den Figuren, die Szenerie spielt durchaus eine Rolle, sie wird oft aber nicht zu detailliert gezeichnet. Beim Zuhören habe ich mich gefragt, ob das ein Zugeständnis an das schnelle Schreiben war oder ob Simenon seine Figuren absichtlich so gezeichnet hat. Ich muss gestehen, ich habe es nicht recherchiert. Manchmal muss man auch nicht alles komplett genau wissen. Unschärfe kann auch helfen, einen Fokus zu kreieren. Hm.

In 33 Stunden und 10 Minuten werden die folgenden Fälle erzählt:

  • Maigret im Haus der Unruhe (0. Fall) 
  • Maigret und Pietr der Lette (1. Fall) 
  • Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet (2. Fall) 
  • Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien (3. Fall) 
  • Maigret und der Treidler der Providence (4. Fall) 
  • Maigret und der gelbe Hund (5. Fall) 
  • Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes (6. Fall) 

 

Auf der Website des DAV sind Maigret und der gelbe Hund und Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes andersherum angegeben. Tatsächlich stimmt die von mir angegebene Reihenfolge aber jedenfalls zum Zeitpunkt des Downloads im Januar 2025. Eine kleine Kritik habe ich aber schon. Der Verlag nennt keinerlei Hinweis, wo welcher Fall anfängt oder aufhört und die Dateien sind einfach durchnummeriert von 1 bis 639. Das ist nicht eben besonders gut zu benutzen. Was bei dem aufgerufenen Preis doch recht schade ist. Aber, hey, ich bin ein Fan, mit mir kann man das machen.

Na, jedenfalls habe ich mir Die Fälle 7 bis 12 auch schon geangelt. In diesen Zeiten brauche ich ab und an Pausen zwischen den Magenkrämpfen.