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Analoges Emigrantentum. Und Gedanken über Softwarelosigkeit

A Foggy Day, vorgetragen von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong perlt aus den Lautsprechern meiner Hifi-Anlage. Und schon sind wir mitten im Thema. Die Musik liegt auf meinem privaten Mediaserver. Sie ist aber digital in Form von FLAC Dateien aus einer Musik CD extrahiert worden. Die CD, von der diese Musik stammt, steht zusammen mit all ihren Geschwistern in kleinen schönen Boxen von Leitz im Keller. Und so passt also meine Musik-Sammlung auf eine Festplatte, die keine 100g wiegt und nicht größer ist als etwa 6 auf 4 Zentimter (im Gehäuse). Ich bewerte dies aktuell als eine gute Lösung.

Wieso? Ich habe die CD gekauft. Ich habe damit natürlich vor allem die Musik-Industrie unterstützt und ich vermute, dass in diesem konkreten Fall (= Musik von Louis Armstrong) den Musikern, den Tochtechnikern im Studio und allen anderen die beteiligt sind, wenn man Musik veröffentlicht, nicht mehr so viele Tantiemen zukommen. Das ist so, weil einfach die Rechte an dieser Musik vermutlich weitgesgehend abgelaufen sind oder in unsichtbaren Kanälen versickern. Okay, vielleicht hätte ich als Positiv-Beispiel lieber meine vor einigen Monaten erstandene CD von Joy Denalane nennen sollen. Auch da geht viel Geld an Motown & Co. aber, es gehen eben auch Gelder an Denalane und alle ihre Mitstreiter. Und genau hier beginnt mein Problem. Streaming Dienste führen an Musiker und ihre Mitstreiter noch deutlich weniger Geld ab als das ohnehin schon Wenige, was damals(tm), in der sogenannten guten alten Zeit, abgeführt wurde. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich zwar mein Deezer-Abo behalte, dass ich aber für die Musik, die ich wirklich mag und die ich öfters höre, ganz bewusst Geld zahlen will. Das ist ein Schritt in Richtung einer analogen Emigration. Ich stelle mich damit, das ist mir klar, in eine Reihe mit Sisiphos und auch mit Don Quijote. Aber, mir fällt gerade wirklich nichts Besseres ein.

Übrigens ist diese Handlung auch eine Reaktion auf das quasi Berufsverbot, dass viele Kulturtreibende in der Pandemie-Zeit erdulden mussten, je weniger subventioniert die Kunst ist, desto mehr wurden da Existenzen sehendes Auges vernichtet. Nein, das mit den Hilfen kam spät, es war viel zu wenig und noch dazu wurden direkt nach dem extrem späten Gewähren von lächerlichen Förderungen, die Bezugsberechtigten unter den Verdacht gestellt, sich unrechtmäßig dieser Kredite zu bedienen. Deutschland, Land der nicht ganz dichten und nicht Denkenden. Oder so.

Softwarelosigkeit. Seit ich die Schule verlassen habe, habe ich ausschließlich digital gearbeitet. Früher, also, damals(tm) gabs zuerst zwar noch kein Internet, aber, es gab schon Software und etwas später gabs das Usenet mit seinen verschiedenen Ausprägungen. FIDO, MausNet und vieles mehr. Immer war ich überzeugt, dass diese Neuerungen quasi dem Wohle der Menschen dienten. Dann kam das Internet so wie wir das heute kennen, nur viel langsamer und viel teurer. Und dann wurde das Netz schneller, wir sprangen in das, was nochmal viel später web 2.0 genannt werden sollte. Ich machte mit, baute mit daran und war auch beruflich sofort eng verknüpft mit den neuen Möglichkeiten. Ich war begeistert weil ich auch als sogenannter digitaler Emigrant dachte, all das würde unser aller Tun revolutionieren. Okay, das tat es dann ja auch und das tut es bis heute. Nur, mit dem Mitmach-Netz entstanden große neuartige Firmen. Diese Firmen wurden mächtig und immer mächtiger. Ganz grob gesagt lag das und liegt es immer noch daran, weil viele Dinge in dieser neuen Welt nicht geregelt sind oder, sie sind geregelt aber geltendes Recht kann niemand wirklich durchsetzen weil sich die Konzerne dem geltenden Recht entziehen (können). Diese Goldgräber-Zeiten gehen glücklicherweise allmählich zu Ende. Es wird aber ziemlich lange dauern, bis ich mit meinem Tun nicht mehr Ware bin, Stichwort Daten sind das neue Öl, sondern wieder Verbraucher, der durchsetzbare Rechte hat.

Mir ist die Lust ein wenig vergangen. Ich nutze das Netz und suche mir Nischen, in denen solidarische Regeln gelten so oft das geht. Overall verliere ich aber die Lust an Software weil ich ihr misstraue. Zusätzlich bringt mein Alter mit sich, dass ich immer weniger bereit bin, eine erklägliche Menge Zeit aufzubringen, meine Rechte im Netz zu schützen und meine Interessen zu wahren. Meine aktuelle Lösung sind, wo es möglich ist, softwarelose Lösungen, die direkt über das Netz funktionieren, also durch Aufruf im Browser und sicheren, verschlüsselten Verbindungen. Vieles kann ich da schon betreiben und geregelt bekommen. Und wenn ich ein wenig Aufkmerksamtkeit investiere, muss ich für diese Lösungen noch nicht einmal mit meinen Daten bezahlen. Das ist eine gute Entwicklung wie ich finde.

Von Markus

Ein Neuanfang. Ein Neuanfang für einen alten Hasen. Mir ist nicht mehr nach Schreiben. Mir ist nach mehr Stille. Ich liebe Photographie. Schon immer. Ich möchte hier veröffentlichen. Und ich möchte hier gerne auch diskutieren. Über Bilder. Über Technik.

Das Schauen auf diese Welt bestimmt unsere Position und sie bestimmt auch essentiell unseren Horizont.

8 Antworten auf „Analoges Emigrantentum. Und Gedanken über Softwarelosigkeit“

Hm, ich hab das jetzt zweimal gelesen – aber irgendwie bekomme ich es noch nicht durchdacht. Kannst du an einem konkreten Beispiel festmachen, wo für das Softwarelose, also browserbasierte, vertrauenswürdiger ist?

Hallo Vinz, zunächst und noch außerhalb aller inhaltlichen Themen: Ich freue mich, Dich hier anzutreffen und, dass wir uns mal wieder begegnen. Es ist selten geworden, dass wir uns über den Weg laufen. Das ist schade aber es ist letztendlich die Folge davon, dass wir beide Leben führen, die viel weniger Anteile im Bereich Social Media enthalten. Oder besser: Dass wir viel seltener aktiv auftreten mit Beiträgen, die man aufgreifen kann und wo man in ein Gespräch gerät.

Zum Durchdenken. Vielleicht geht das gar nicht. Ich mische verschiedene Themen ineinander und nutze dann auch noch Begriffe in einer Weise, dass sie wahrscheinlich nicht verstehbar sind. Es gibt also im Grunde zwei Themen. Das ist 1) das Vertrauen und auch die Lust auf Applikationen, die man auf einem Rechner oder mittels einer App auf dem Smartphone/Tablet betreibt. Und 2) geht es mir um den Umgang mit dieser Software. Am Ende geht es mir auch darum, wohin mich das führt. Habe ich also am Ende ein gutes Gefühl in Bezug auf Sicherheit meiner Daten aber auch in Bezug auf ein Gefühl, dass es passt mit dem Nutzen der Funktionen? Und hier kommen Online-Lösungen ins Spiel. Nehmen wir das Beispiel Email. Die Applikation, die ich beruflich nutze, die ich aber privat nicht nutzen wollen würde ist Outlook. Privat nutze ich Thunderbird, und zwar auf Basis einer Linux-Distribution. Beide Lösungen funktionieren. Outlook läuft auf Windows-Basis und da gäbe es dann gleich mehrere Punkte, auf die ich stetig und permanent mein Augenmerk haben müsste (Stichwort Sicherheit gegenüber Angriffen von Außen aber auch Datensicherheit gegenüber Microsoft). Bei Thunderbird ist es nun so, dass ich da alles habe was ich brauche, ich nutze noch Lightning für die Verwaltung meiner Termine. Was mich unzufrieden macht ist u.a. die Oberfläche. Man merkt halt, dass Mozilla einige Jahre hatte, in denen die Aufmerksamkeit und das Nachdenken wegging von der Software. Damals entschied man ja, das Hauptaugenmerk auf Firefox zu setzen weil man auch schauen musste, vorhandene Ressource gut und effektiv einzusetzen. Mir gefällt das alles einfach nicht mehr. Ersatz wäre hier sowas wie das Horde Projekt. Im Bereich meiner Daten bin ich schon lange weg von Lösungen, die auf offline Festplatten liegen. Ich nutze Nextcloud. Auch das ist webbasiert, hat aber natürlich trotzdem an den Enden Apps und Software, mit deren Hilfen ich meine Daten einsehen kann. So nutze ich meine Termindaten, wie oben schon erwähnt, in Lightning. Lightning zieht sich die Daten aus Nextcloud und dort aus der Kalender-App. Auch für das Smartphone werden mittels einer App, aktuell nutze ich Etar, Daten gezogen.

Ich hoffe, es wird ein wenig klarer, auf was ich hinaus will. Natürlich gilt auch für Nextcloud: Am Ende braucht es eine App oder eine Applikation, um die Daten anzuzeigen und nutzbar zu machen. Auf diese Apps muss ich aufpassen (ist Datensicherheit gewährleistet?). Termine könnte ich mir beispielsweise natürlich auch über den Browser anzeigen lassen. Dann müsste man nur noch darüber nachdenken, wie man beispielsweise an Termine erinnert wird oder bei Mails, wann neue Mails entreffen.

Ich glaube, ich habe das Problem auch noch nicht ganz nachvollzogen. Ist es das lokal auf einem Rechner oder Smartphone installierte Programm, das Du mit einer Webanwendung ersetzen möchtest, die dann auf dem Client nur einen Browser erfordert? Dafür gibt es durchaus Ansätze, allerdings benötigst Du natürlich einen eigenen Rechner, der als Server für diese Webanwendung(en) fungiert..

Hallo Ulrich, schön, dass auch Du wieder hier bist. 🙂

Ja, es ist noch ein wenig mehr aber im Kern ist es das Ersetzen der Software auf dem Client durch eine Webanwendung. Und wenn man in einen Webservice vertraut, könnte man fertig vorkonfigurierte Dienstleister finden. Mit etwas weniger Vertrauen setze ich einen eigenen lokalen Server ein. Vermutlich würde ich die Zeit nicht aufwenden wollen für einen eigenen Server. Ich müsste mich einlesen. Du machst das ja, wenn ich es richtig behalten habe, schon so. Also das mit dem einen lokalen Server.

Ein Webservice erfordert ja, dass man einem Dritten vertraut, der diesen Dienst betreibt. Das erscheint mir vergleichbar mit dem Vertrauen, das man in den Hersteller von Software haben muss, wenn man nicht Open Source oder selbst gebaute Software einsetzt. Sich ganz frei zu machen von Einblicken Dritter bleibt sehr aufwendig.

Zum Eremit wird man dann m.E., wenn man sich nicht an Facebook, Instagram, Twitter oder TikTok usw. beteiligt.

Natürlich hast Du Recht. Man vertraut, egal ob ich am Ende eine Applikation nutze, einen Service oder sogar eine Kombination aus beidem. Ich nutze für mein privates Notebook ausschließlich opensource oder sogar FOSS. Und ich vertraue den Machern dieser Lösungen. Tue ich das nicht oder nicht mehr, suche ich mir sehr konsequent neue Lösungen. Ich empfinde das als großes Glück, diese Option zu haben.

Social Media & Ermemitentum. Ich nutze auch hier viel alternative Netzwerke, bin schon seit jahr und Tag im sogenannten Fediverse unterwegs und das auch schon solange, dass es damals zwar als dezentrales Netz auftrat es aber unterm Strich manchmal nicht war. Allerdings konnte man den Machern immer vertrauen, das ist über einen Zeitraum vieler vieler Jahre nicht selbstverständlich. Es waren und es sind nicht kommerzielle Netzwerke. Dieses Konstruktionsmerkmal hat Folgen. Die sogenannte Reichweite aber eben auch die Vielfalt ist deutlich kleiner als bei den Großen. Bei Facebook bin ich schon seit vielen Jahren nicht mehr vertreten. Inkonsequenterweise bin ich bei Instagram und aktuell machen mir zwar das Handeln als großer Anbieter manchmal Probleme aber, unterm Strich bekomme ich über diese Schiene auch viele neue Eindrücke und Kontakte, die ich sonst nicht hätte. Manchmal ist es auch der Kontakt, den ich zur 1. Generation der web 2.0 Community halten und erneuern kann. In der Abwägung bin ich da also bewusst dabei. Bei Twitter bin ich auch und zwar quasi ab Stunde Null. Ja, Twitter hat sich verändert und ich mache auf Twitter aktiv nur noch wenig. Da ist es eher auch Kontakt halten zu manchen Weggefährten.

Den Begriff des Eremitentums habe ich auch eher eingeführt weil ich neben dem Suchen, Finden & Begehen eben auch die Rahmenbedigungen verändern. Unsere Leben schreiten voran, ich habe objektiv viel weniger Zeit zum Netzwerken, auch meinen Kontakten geht es so, dass das Leben oft andere Schwerpunkte geformt hat. Ich habe viele jüngere Bekannte und Freunde. Da wurden Kinder geboren und das verändert alles. Das muss ich Dir ja nicht erklären, dass weißt Du auch wenn wir da vielleicht, aus Altersgründen, schon oft einen zwei Schritte weiter sind.

Ganz generell noch ein paar Worte zu Social Media. Es hat sich ergeben, dass viele Leute heute ganz pauschal auf Social Media schimpfen. Richtig ist auch, dass die großen Netzwerke ihre Verantwortung wahrnehmen müssen und das oft nur sehr zögerlich tun. Richtig ist aber auch, dass ein Netzwerk ist, was ich daraus mache. Ich habe viele viele Leute kennengelernt. Es haben sich Freundschaften ergeben, die ich ohne diese Netzwerke und den Spaß am offenen Sprechen und Kennenlernen, niemals so hätte erleben dürfen. Twitter ist für mich deutlich mehr als Trump (der es ja gerade eh nicht mehr ist). Twitter ist, wenn man das so nutzen will, z.B. auch eine hocheffektive Nachrichten-Agentur. Ich schaue niemals auf Trending. Aber ich schaue auf das, was Korrespondenten schreiben, Berichten, Verlinken. Das ersetzt nicht, dass man sich im Anschluss oder auch parallel oderdentlich informiert aber, es kann vollkommen neue Quellen erschließen. Fazit: Ein Netzwerk ist, was ich daraus mache, es ist nicht per se gut oder schlecht.

Hallo Markus, hallo allerseits! 🙂

Also, erstmal: Computer zu benutzen, bedeutet, auf Kontrolle über meine Daten zu verzichten, denn ich kann weder die Hardware (aus China, aha) noch das System (aus USA, aha) soweit kontrollieren, dass ich dem Ganzen jemals vertrauen könnte. Egal, wieviel ich selber mache. Egal, welche Hardware. Egal, welches OS. Egal, welche Anwendungen. Es ist sinnvoll, soviel wie möglich mit FLOSS zu machen. Aber die zentralen Dinge sind bei mir immer analog geblieben.

Vom lokalen System auf Server/Client zu wechseln, löst dieses Problem nicht. Es ist die Lösung für ein ganz anderes Problem, und es bringt wiederum ganz andere Probleme mit sich. Wenn man den Server einkauft (als Server, als Service), wird es noch spannender.

Jede Lösung hat Vor- und Nachteile.

Deshalb ist für mich der einzige Aspekt, den du zu diesem Punkt erwähnt hattest und bei dem ich uneingeschränkt „Ja“ rufe, unser Lebensalter! Ich habe irgendwann mal bemerkt, dass ich das Gefühl hatte, genug gebastelt zu haben. Das ist schon mehrere Jahre her. Deshalb kam damals Apple ins Spiel. Für andere war es Linux. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich um diese Zeit schon längst einen Windows-Rechner haben würde, aber es wird demnächst erstmal ein neues MacBook werden, weil mir das am wenigsten Lebenszeit raubt. Und ich weiß heute noch nicht, ob ich mich dann noch auf einen Linux-Rechner einlassen will. Denn Computer sind kein Selbstzweck, sondern es sind Arbeitswerkzeuge, Lebenswerkzeuge, Wunschmaschinen, Kreativmaschinen, aber sie sollen bitte vor allem funktionieren und zu meinem Leben passen. Und doch wäre Linux mittlerweile wieder im Bereich es irgendwie Denk- und Wünschbaren für mich. Auch für mich.

Emigrant oder Eremit? Ich würde sagen: Wir sind halt Individualisten. 🙂

Für Musik bezahlen: Ja, bitte! Unbedingt. Aber am Ende gebe ich für Bücher dann doch viel mehr Geld aus als für Multimedia. Ist so. 🙂

Aber schön, dass du wieder mehr bloggst! Sollte ich auch wieder viel öfter tun. 🙂 Lebenszeit, Lebenszeit… 🙂

Hallo Jürgen, schön, dass Du auch hier bist. 🙂

Ich bin noch nicht sicher ob ich wirklich mehr schreibe. Ich stelle fest, dass ich nicht verstanden werde. 😉 Natürlich liegt das nicht an euch. Vielmehr habe ich schnell schnell was Aufgeschrieben, was mich schon seit vielen vielen Jahren beschäftigt. Ich habe aber zwar über Dinge nachgedacht, hatte auch an sich nicht vor drüber zu schreiben und dann kam, was manchmal passiert. Nennen wir es ein Problem mit der Impulskontrolle. Mir war plötzlich doch danach, was Aufzuschreiben. Bevor ich einem solchen Impuls nachkomme, sollte ich mir klarmachen, wie ich allgemeinverständlich erkläre was ich meine. Und das ist ganz offensichtlich nicht gelungen. 😀

Ich belasse es also mal vorerst dabei.

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