Das neue Buchjahr

Das neue Jahr steht vor der Türe und damit beginnt auch ein neues Buchjahr. Ich lass mich treiben. Am Ende des vorletzten Jahres und am Anfang 2024 war ich vertieft in die Jahrestage von Uwe Johnson. Johnsons Bücher liebe ich sehr. Parallel zu Johnson las ich Elisabeth Young-Bruehls Biographie von Hannah Arendt. Danach begann ich mit anderen Büchern von Hannah Arendt und im weitereren Jahr habe ich mich mit dem Thema Israel und seine Geschichte beschäftigt. Anders als früher nahm ich auch hier einen Persekptivwechsel vor und las Texte aus Sicht derer, die die Zeit nach 1948 als Nakba bezeichnen. Später kamen noch mein anderer Fokus zum Tragen. Ich las Bücher neu, etwa die überarbeitete Neuausgabe von Noah Sows deutschland schwarz weiss, später auch noch Steven Vertovecs Superdiversität, ich las aber auch Romane, eines meiner Lieblingsbücher 2024 wurde Issa von Mirrianne Mahn.

Das neue Jahr

Ich spüre schon seit Jahren, dass ich andere Geschichten brauche. Es fühlt sich so an, wie das Stillen eines lang verspürten Durstes. Daran arbeiten, Ganz zu werden, Geschichten aus Deutschland waren (und sind oft) viel zu weiss und viel zu blauäugig, es fehlten mir die Geschichten derer, die nicht blauäugig sind, es fehlen die Geschichten derer, die sich weder als Frau fühlen noch als Mann oder sich als Frau fühlen oder als Mann, aber in einem anderen Körper stecken. Sie alle kämpfen um Anerkennung und viele Geschichten werden erst allmählich erzählt. Manche wurden und werden schon lange erzählt, aber Menschen wie ich haben sie zu lange nicht ausreichend wahrgenommen. Das muss sich ändern und nicht aus einer Schuld heraus sondern um dem Ganz-Werden näher zu kommen, wird, so wie sich das anfühlt, dieser Durst für den Rest meines Lebens erhalten bleiben. Es gilt ihn zu stillen und es gilt, Schritte zu tun in eine Zukunft, in der wir alle Zusammen sein können. Ja, natürlich ist auch Hadija Haruna-Oelker eine Stimme, auf die ich stets unsagbar gerne höre und schaue.

Daneben spüre ich aber auch eine neue Neugier auf ältere Texte. Ich verstehe noch nicht woher dieses Interesse kommt. Es ist noch ziemlich neu. Ich habe mir in den letzten Wochen Thomas Manns Doktor Faustus nochmal gekauft und auch Jakob und seine Brüder. Doktor Faustus ist ein Wieder-Lesen (nach mehr als 30 Jahren), Jakob und seine Brüder werde ich zum ersten Mal lesen. Ich bin auf beide Bücher sehr neugierig, denn ich habe erfahren wie unterschiedlich man Bücher aufnimmt von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet. Damit werde ich also starten: Dazwischen wird immer gemeuchelt werden. Gerade lese ich Simon Beckett neu und beginne vorne mit Die Chemie des Todes, also der so called David Hunter Reihe Becketts. Mal schauen, wohin es mich noch treiben wird im neuen Jahr. Ein neues Lesejahr beginnt und ich freue mich unbändig darauf.

p.s.: Fast vergessen! Ich habe damit begonnen, DC Comics rund um das Gotham Universum zu lesen. Momentan beginne ich mit den Anfängen Batmans. Mein erster Band ist deshalb auch Batman – Das erste Jahr.

Analoges Emigrantentum oder eher digitales Eremitentum?

Foto von Romain Vignes auf Unsplash

Ich schrieb vorhin über etwas, was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat. Ich führte den Begriff des analogen Emigrantentums ein. Ein Freund nannte nun den Begriff des digitalen Eremitentums. Und ich muss sagen, dieser Begriff ist tatsächlich dem was ich meine viel näher als mein eigener, ursprünglicher Begriff. Er meinte, vor die Wahl gestellt, würde er sich immer häufiger für lokale Lösungen entscheiden und gegen die großen Löser aus dem Silicon Valley. Er meinte, es wäre weniger eine Entscheidung gegen Software sondern eher eine Entscheidung für Selbstbestimmung bzw. die Möglichkeit überhaupt erst Selbstbestimmbarkeit zu erlangen. Wie mir scheint komme ich voran bei dem Versuch, meine Gedanken in Worte umsetzen zu können.

Noch etwas ist eine wichtige Erkenntnis: Bei aller Liebe zum Eremitentum mag ich es sehr mit Freunden Themen zu entwickeln. Es braucht oft nicht stundenlanges Diskutieren, hier bekam ich eine Antwort auf einen Gedanken von mir. Gut, dass es Räume gibt um sich auszutauschen!

Analoges Emigrantentum. Und Gedanken über Softwarelosigkeit

Foto von Markus Spiske auf Unsplash

A Foggy Day, vorgetragen von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong perlt aus den Lautsprechern meiner Hifi-Anlage. Und schon sind wir mitten im Thema. Die Musik liegt auf meinem privaten Mediaserver. Sie ist aber digital in Form von FLAC Dateien aus einer Musik CD extrahiert worden. Die CD, von der diese Musik stammt, steht zusammen mit all ihren Geschwistern in kleinen schönen Boxen von Leitz im Keller. Und so passt also meine Musik-Sammlung auf eine Festplatte, die keine 100g wiegt und nicht größer ist als etwa 6 auf 4 Zentimter (im Gehäuse). Ich bewerte dies aktuell als eine gute Lösung.

Wieso? Ich habe die CD gekauft. Ich habe damit natürlich vor allem die Musik-Industrie unterstützt und ich vermute, dass in diesem konkreten Fall (= Musik von Louis Armstrong) den Musikern, den Tochtechnikern im Studio und allen anderen die beteiligt sind, wenn man Musik veröffentlicht, nicht mehr so viele Tantiemen zukommen. Das ist so, weil einfach die Rechte an dieser Musik vermutlich weitgesgehend abgelaufen sind oder in unsichtbaren Kanälen versickern. Okay, vielleicht hätte ich als Positiv-Beispiel lieber meine vor einigen Monaten erstandene CD von Joy Denalane nennen sollen. Auch da geht viel Geld an Motown & Co. aber, es gehen eben auch Gelder an Denalane und alle ihre Mitstreiter. Und genau hier beginnt mein Problem. Streaming Dienste führen an Musiker und ihre Mitstreiter noch deutlich weniger Geld ab als das ohnehin schon Wenige, was damals(tm), in der sogenannten guten alten Zeit, abgeführt wurde. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich zwar mein Deezer-Abo behalte, dass ich aber für die Musik, die ich wirklich mag und die ich öfters höre, ganz bewusst Geld zahlen will. Das ist ein Schritt in Richtung einer analogen Emigration. Ich stelle mich damit, das ist mir klar, in eine Reihe mit Sisiphos und auch mit Don Quijote. Aber, mir fällt gerade wirklich nichts Besseres ein.

Übrigens ist diese Handlung auch eine Reaktion auf das quasi Berufsverbot, dass viele Kulturtreibende in der Pandemie-Zeit erdulden mussten, je weniger subventioniert die Kunst ist, desto mehr wurden da Existenzen sehendes Auges vernichtet. Nein, das mit den Hilfen kam spät, es war viel zu wenig und noch dazu wurden direkt nach dem extrem späten Gewähren von lächerlichen Förderungen, die Bezugsberechtigten unter den Verdacht gestellt, sich unrechtmäßig dieser Kredite zu bedienen. Deutschland, Land der nicht ganz dichten und nicht Denkenden. Oder so.

Softwarelosigkeit. Seit ich die Schule verlassen habe, habe ich ausschließlich digital gearbeitet. Früher, also, damals(tm) gabs zuerst zwar noch kein Internet, aber, es gab schon Software und etwas später gabs das Usenet mit seinen verschiedenen Ausprägungen. FIDO, MausNet und vieles mehr. Immer war ich überzeugt, dass diese Neuerungen quasi dem Wohle der Menschen dienten. Dann kam das Internet so wie wir das heute kennen, nur viel langsamer und viel teurer. Und dann wurde das Netz schneller, wir sprangen in das, was nochmal viel später web 2.0 genannt werden sollte. Ich machte mit, baute mit daran und war auch beruflich sofort eng verknüpft mit den neuen Möglichkeiten. Ich war begeistert weil ich auch als sogenannter digitaler Emigrant dachte, all das würde unser aller Tun revolutionieren. Okay, das tat es dann ja auch und das tut es bis heute. Nur, mit dem Mitmach-Netz entstanden große neuartige Firmen. Diese Firmen wurden mächtig und immer mächtiger. Ganz grob gesagt lag das und liegt es immer noch daran, weil viele Dinge in dieser neuen Welt nicht geregelt sind oder, sie sind geregelt aber geltendes Recht kann niemand wirklich durchsetzen weil sich die Konzerne dem geltenden Recht entziehen (können). Diese Goldgräber-Zeiten gehen glücklicherweise allmählich zu Ende. Es wird aber ziemlich lange dauern, bis ich mit meinem Tun nicht mehr Ware bin, Stichwort Daten sind das neue Öl, sondern wieder Verbraucher, der durchsetzbare Rechte hat.

Mir ist die Lust ein wenig vergangen. Ich nutze das Netz und suche mir Nischen, in denen solidarische Regeln gelten so oft das geht. Overall verliere ich aber die Lust an Software weil ich ihr misstraue. Zusätzlich bringt mein Alter mit sich, dass ich immer weniger bereit bin, eine erklägliche Menge Zeit aufzubringen, meine Rechte im Netz zu schützen und meine Interessen zu wahren. Meine aktuelle Lösung sind, wo es möglich ist, softwarelose Lösungen, die direkt über das Netz funktionieren, also durch Aufruf im Browser und sicheren, verschlüsselten Verbindungen. Vieles kann ich da schon betreiben und geregelt bekommen. Und wenn ich ein wenig Aufkmerksamtkeit investiere, muss ich für diese Lösungen noch nicht einmal mit meinen Daten bezahlen. Das ist eine gute Entwicklung wie ich finde.