Doppelmoral. Notizen

Eigentlich war der Begriff, mit dem ich losgelaufen bin: False Standards. Ich wurde von Wikipedia auf Doppelstandards verwiesen und schließlich auf Doppelmoral. Dazu meint die Wikipedia

Als Doppelmoral wird ein Normensystem bezeichnet, das gleiches Verhalten ethisch unterschiedlich bewertet, je nachdem, welcher Personengruppe die ausführende Person oder die betroffenen Personen angehören, oder je nachdem, ob diese sich in einer öffentlichen oder privaten Situation innerhalb oder außerhalb einer Gemeinschaft befinden, ohne dass dafür ein sachlicher Grund vorhanden wäre. Die Doppelmoral kann sich dabei explizit in einem moralischen Code niederschlagen, der eine unterschiedliche Wertordnung abbildet, oder implizit im moralischen Empfinden, im Verhalten und in den Werturteilen Einzelner. Entscheidendes Merkmal ist, dass „mit zweierlei Maß“ gemessen wird.

Von einer Doppelmoral kann immer dann gesprochen werden, wenn unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe verwendet werden, obwohl die der Bewertung zugrunde liegenden Sachverhalte (strukturell) gleichartig sind. Der Begriff geht also über die unterschiedliche Bewertung von eigenem Verhalten und Fremdverhalten oder von einem Verhalten, das eine Person von anderen einfordert, und demjenigen, das sie selbst zeigt (Heuchelei), hinaus. Geht es um einen Widerspruch zwischen tatsächlich befolgter und nach außen hin vertretener Moral, wird stattdessen eher von Bigotterie gesprochen.

In verschiedenen Bereichen sind bestimmte Kategorisierungen von Personen anfällig für Doppelmoral, die Gleichheit mit Bezug auf geltende Regeln wird daher z.B. in der Pädagogik zwischen Kindern und Erwachsenen,[1] bei Genderfragen zwischen Männern und Frauen[2] thematisiert. In der Politik kann das Verhalten verschiedener Parteien oder Staaten und die demagogische Berichterstattung darüber in den Massenmedien unter dem Gesichtspunkt der Doppelmoral betrachtet werden. Eine Doppelmoral kann auch aus Widersprüchen zwischen Individualethik und Sozialethik herrühren.

Wikipedia: Doppelmoral

Natürlich geht die Definition noch weiter. Der vollständige Wikipedia Artikel ist oben verlinkt.

Mir geht noch immer das Gespräch nach, dass der Tilo Jung mit dem Ronan Steinke geführt hat im Rahmen der 823. Sendung von Jung & Naiv.  Mich beschäftigt das Thema Doppelstandards spätestens seit 2022 noch mehr, seit der Frau, Leben, Freiheit Bewegung (ich muss mich zwingen, es nicht immer noch eine Revolution zu nennen) sehr. Und seit dem 07. Oktober ist die Ungleichbehandlung kaum zu ertragen in Berichterstattung, gerade hier in Deutschland. Auch dazu sagen Tilo und Ronan viel Hörenswertes. Natürlich haben die Beiden unterschiedliche Perspektiven, Ronan, der gerade in der Sendung immer wieder betont, dass es Unterschiede gibt zwischen einer rein rechtlichen Einordnung, etwa bei dem, was die IDF in Gaza tut, im Libanon und im Westjordanland und dem, wie man dieses Tun gesellschaftlich einordnet. Auch hier schauen beide auf die Art und Weise, wie Deutschland (nicht) reagiert, Ronan nennt den Klassiker des deutschen Selbstverständnisses, nämlich, dass die Deutschen eben ein immer wieder zu erlebendes Desinteresse an dem Geschehen in anderen Ländern haben, also, an Außenpolitik. Was für ein Witz: Ein Land, dass vor allem deshalb wohlhabend ist, weil es unsagbar viele Waren & Dienstleistungen exportiert in die ganze Welt und gleichzeitig aber nicht wissen will, wenn ganze Bevölkerungen überwacht, drangsaliert und ermordet werden oder wenn Dank deutscher Überwachungstechnologie zehntausende Menschen einfach erschossen werden. Geld? Ja. Verantwortung? Nö, lieber nicht.

Leïla Slimani. Dann schlaf auch du

 

Leïla Slimani. Dann schlaf auch du
Leïla Slimani. Dann schlaf auch du

Dann schlaf auch du ist das Buch, dass Leïla Slimani den Durchbruch brachte. Und es ist der zweite Text, den ich von ihr gelesen habe. Dann schlaf auch du fühlt sich zugänglicher an als ihr erster Text, gleichzeitig enwickelt sich schnell eine große Verbundenheit mit der Hauptfigur Louise.

Miriam ist Anwältin, wurde aber schon kurz nach Abschluss des Studium schwanger und fand die Rolle als Mutter als genau das Leben, was sie wollte. Nach der Geburt ihres Sohnes ist sie zunehmend unglücklicher mit ihrem Leben und sehnt sich nach einer Neuausrichtung. Als sie zufällig einem Studienkollegen begegnet, der sich nach dem Studium selbstständig gemacht hat und der ihr kurz nach ihrer Begegnung einen Job anbietet, nimmt das Leben von Miriam Fahrt auf. Einzig die Betreuung der Kinder ist ein Problem. Miriam und Paul haben Glück, sie finden nach kurzer Suche Louise und stellen sie als Nounou für ihre beiden kleinen Kinder ein. Sehr schnell wird Louise zum eigentlichen Mittelpunkt der Kinder. Sie lieben Louise und Paul und Miriam gewöhnen sich gerne daran, dass sie nicht nur die Kinder in guten Händen wissen, sondern dass Louise auch ihnen das Leben schön macht. Sie macht die Wohnung zu einem Zuhause, sie kocht, sie macht Ausflüge mit den Kindern. Was Paul und Miriam gar nicht erst erfragen ist, wer Louise ist, was für ein Leben sie führt, woher sie kommt. So sehr sie die Annehmlichkeiten schätzen, die durch die unermüdlich liebevoll agierende Louise erschaffen werden, Paul und Miriam interessieren sich nicht wirklich für den Menschen Louise.

Leïla Slimani erzählt Louises Geschichte, es ist die Geschichte eines nicht gesehenen, nicht geschätzen Lebens. Die Geschichte entwickelt sich dramatisch, beinahe kann man sagen, dass in dieser Geschichte gleich auch noch ein Krimi mit erzählt wird. Aber aus meiner Sicht lese ich die Geschichte von Louise, ich lese von Verzicht, ich lese die Geschichte eines ausgenutzten, eines ausgebeuteten Menschen. Ich konnte das Buch nicht beiseite legen, sondern habe es quasi in einem Rutsch durchgelesen. Der Text ist bitterschön, er ist ein Schlag ins Gesicht, weil der Text das Handeln vieler Menschen aus einem Blickwinkel zeigt, den wir sonst nicht allzu oft zu sehen bekommen.

Leïla Slimani. All das zu verlieren

Leïla Slimani - All das zu verlieren
Leïla Slimani – All das zu verlieren

Leïla Slimani. All das zu verlieren. Ich las einfach drauf los. Und hielt mich ab, Fragen an mich zu stellen oder zu beantworten. Aber, worum geht es? Adèle arbeitet als Journalisten bei einer Pariser Tageszeitung. Sie ist verheiratet mit einem Chirurgen und hat einen Sohn. Adèle lebt dieses Leben, dass nach Außen wirkt wie ein glückliches Leben aber Adèle ist nicht glücklich. Sie trifft sich mit wildfremden Männern, ihr Leben droht ihr zu entgleisen. Sie kann nicht aufhören, kann oder will sich nicht einreihen in das vorgezeichnete Leben.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich einige Tage über den Text nachgedacht und habe, was ich sonst niemals mache, andere Texte über das Buch gelesen. Da wird oft gemäkelt an der formalen Konstruktion des Textes, es würde an einigen Stellen nicht funktionieren. Für mich funktioniert der Text sehr gut. Seine Intensität und seine schonungslosen Beschreibungen haben mich überrascht. Slimani beschreibt eine Figur, die offen, selbst bestimmt und möglicherweise zu ihrem eigenen Schaden sexuelle Phantasien auslebt. Immer wieder. Und ohne Rücksicht auf Verluste. Adèle macht weder das Leben in den geordneten Bahnen ihrer Ehe, noch das Leben als Mutter glücklich. Sie ist getrieben. Aber auch die sexuellen Begegnungen machen sie fast nie glücklich oder wenigstens zufrieden. Es scheint, als rebelliere sie, begehre sie auf gegen die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Mir kam eine Textzeile aus einem Song in den Sinn: »I am nobody’s princess«. Der Track »Dreamers« stammt von Christina Aguilera’s Album Liberation. In dem Track kommen Mädchen zu Wort. Sie bringen vor, was sie im Leben erreichen wollen. Sie schreien: Selbstbestimmung! Wir wollen unser Schicksal selber bestimmen, ohne das andere Menschen Einfluss nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass Adèle das gefallen würde.

Für ihren zweiten Roman Chanson douce (auf Deutsch erschienen unter dem Namen Dann schlaf auch du) wurde Leïla Slimani 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Chanson douce wurde zudem auch verfilmt. Ich freue mich auf Chanson douce und alle Bücher danach.