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Analoges Emigrantentum oder eher digitales Eremitentum?

Ich schrieb vorhin über etwas, was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat. Ich führte den Begriff des analogen Emigrantentums ein. Ein Freund nannte nun den Begriff des digitalen Eremitentums. Und ich muss sagen, dieser Begriff ist tatsächlich dem was ich meine viel näher als mein eigener, ursprünglicher Begriff. Er meinte, vor die Wahl gestellt, würde er sich immer häufiger für lokale Lösungen entscheiden und gegen die großen Löser aus dem Silicon Valley. Er meinte, es wäre weniger eine Entscheidung gegen Software sondern eher eine Entscheidung für Selbstbestimmung bzw. die Möglichkeit überhaupt erst Selbstbestimmbarkeit zu erlangen. Wie mir scheint komme ich voran bei dem Versuch, meine Gedanken in Worte umsetzen zu können.

Noch etwas ist eine wichtige Erkenntnis: Bei aller Liebe zum Eremitentum mag ich es sehr mit Freunden Themen zu entwickeln. Es braucht oft nicht stundenlanges Diskutieren, hier bekam ich eine Antwort auf einen Gedanken von mir. Gut, dass es Räume gibt um sich auszutauschen!

Analoges Emigrantentum. Und Gedanken über Softwarelosigkeit

A Foggy Day, vorgetragen von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong perlt aus den Lautsprechern meiner Hifi-Anlage. Und schon sind wir mitten im Thema. Die Musik liegt auf meinem privaten Mediaserver. Sie ist aber digital in Form von FLAC Dateien aus einer Musik CD extrahiert worden. Die CD, von der diese Musik stammt, steht zusammen mit all ihren Geschwistern in kleinen schönen Boxen von Leitz im Keller. Und so passt also meine Musik-Sammlung auf eine Festplatte, die keine 100g wiegt und nicht größer ist als etwa 6 auf 4 Zentimter (im Gehäuse). Ich bewerte dies aktuell als eine gute Lösung.

Wieso? Ich habe die CD gekauft. Ich habe damit natürlich vor allem die Musik-Industrie unterstützt und ich vermute, dass in diesem konkreten Fall (= Musik von Louis Armstrong) den Musikern, den Tochtechnikern im Studio und allen anderen die beteiligt sind, wenn man Musik veröffentlicht, nicht mehr so viele Tantiemen zukommen. Das ist so, weil einfach die Rechte an dieser Musik vermutlich weitgesgehend abgelaufen sind oder in unsichtbaren Kanälen versickern. Okay, vielleicht hätte ich als Positiv-Beispiel lieber meine vor einigen Monaten erstandene CD von Joy Denalane nennen sollen. Auch da geht viel Geld an Motown & Co. aber, es gehen eben auch Gelder an Denalane und alle ihre Mitstreiter. Und genau hier beginnt mein Problem. Streaming Dienste führen an Musiker und ihre Mitstreiter noch deutlich weniger Geld ab als das ohnehin schon Wenige, was damals(tm), in der sogenannten guten alten Zeit, abgeführt wurde. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich zwar mein Deezer-Abo behalte, dass ich aber für die Musik, die ich wirklich mag und die ich öfters höre, ganz bewusst Geld zahlen will. Das ist ein Schritt in Richtung einer analogen Emigration. Ich stelle mich damit, das ist mir klar, in eine Reihe mit Sisiphos und auch mit Don Quijote. Aber, mir fällt gerade wirklich nichts Besseres ein.

Übrigens ist diese Handlung auch eine Reaktion auf das quasi Berufsverbot, dass viele Kulturtreibende in der Pandemie-Zeit erdulden mussten, je weniger subventioniert die Kunst ist, desto mehr wurden da Existenzen sehendes Auges vernichtet. Nein, das mit den Hilfen kam spät, es war viel zu wenig und noch dazu wurden direkt nach dem extrem späten Gewähren von lächerlichen Förderungen, die Bezugsberechtigten unter den Verdacht gestellt, sich unrechtmäßig dieser Kredite zu bedienen. Deutschland, Land der nicht ganz dichten und nicht Denkenden. Oder so.

Softwarelosigkeit. Seit ich die Schule verlassen habe, habe ich ausschließlich digital gearbeitet. Früher, also, damals(tm) gabs zuerst zwar noch kein Internet, aber, es gab schon Software und etwas später gabs das Usenet mit seinen verschiedenen Ausprägungen. FIDO, MausNet und vieles mehr. Immer war ich überzeugt, dass diese Neuerungen quasi dem Wohle der Menschen dienten. Dann kam das Internet so wie wir das heute kennen, nur viel langsamer und viel teurer. Und dann wurde das Netz schneller, wir sprangen in das, was nochmal viel später web 2.0 genannt werden sollte. Ich machte mit, baute mit daran und war auch beruflich sofort eng verknüpft mit den neuen Möglichkeiten. Ich war begeistert weil ich auch als sogenannter digitaler Emigrant dachte, all das würde unser aller Tun revolutionieren. Okay, das tat es dann ja auch und das tut es bis heute. Nur, mit dem Mitmach-Netz entstanden große neuartige Firmen. Diese Firmen wurden mächtig und immer mächtiger. Ganz grob gesagt lag das und liegt es immer noch daran, weil viele Dinge in dieser neuen Welt nicht geregelt sind oder, sie sind geregelt aber geltendes Recht kann niemand wirklich durchsetzen weil sich die Konzerne dem geltenden Recht entziehen (können). Diese Goldgräber-Zeiten gehen glücklicherweise allmählich zu Ende. Es wird aber ziemlich lange dauern, bis ich mit meinem Tun nicht mehr Ware bin, Stichwort Daten sind das neue Öl, sondern wieder Verbraucher, der durchsetzbare Rechte hat.

Mir ist die Lust ein wenig vergangen. Ich nutze das Netz und suche mir Nischen, in denen solidarische Regeln gelten so oft das geht. Overall verliere ich aber die Lust an Software weil ich ihr misstraue. Zusätzlich bringt mein Alter mit sich, dass ich immer weniger bereit bin, eine erklägliche Menge Zeit aufzubringen, meine Rechte im Netz zu schützen und meine Interessen zu wahren. Meine aktuelle Lösung sind, wo es möglich ist, softwarelose Lösungen, die direkt über das Netz funktionieren, also durch Aufruf im Browser und sicheren, verschlüsselten Verbindungen. Vieles kann ich da schon betreiben und geregelt bekommen. Und wenn ich ein wenig Aufkmerksamtkeit investiere, muss ich für diese Lösungen noch nicht einmal mit meinen Daten bezahlen. Das ist eine gute Entwicklung wie ich finde.