Nikole Hannah-Jones und The New York Times Magazine. 1619

Nikole Hannah-Jones und The New York Times Magazine. 1619
Nikole Hannah-Jones und The New York Times Magazine. 1619

Es war ruhig hier. Oder? Oder nicht? Ja, es war ruhig. Und gleichzeitig war es in mir unruhig. Viel Privates. Viel Aufrüttelndes. Viel Verstörendes und kein Trost. Ich brauche Bücher. Ich brauche Gedanken, Neue und Alte. Ich möchte und ich muss mich beschäftigen, ich muss und möchte mich entwickeln.

Ganz schön viel ich. Es ist Zeit zurück zu treten hinter ein Werk, hinter eine Geschichte, gewoben aus unzählbar vielen Geschichten, entstanden durch das Leben so vieler. Nikole Hannah-Jones präsentiert einen Gegenentwurf. Nein, sie präsentiert die wirkliche Geschichte der USA. Wer hat den Erfolg der Pilgerväter möglich gemacht? Wer hat den Preis bezahlt? Ich nehme mir immer wieder vor: Wende Deinen Blick nicht auf die USA. Nehme Deine eigenen Geschichten wahr. Da gibt es so viel zu wenig oder vollkommen unerzählte Geschichte und Geschichten. Da gibt es so viele Blickwinkel. Und dann passiert mir die Begegnung mit einem Monolithen wie dem mit dem Titel 1619. Unfassbar viel zu lernen aber, viel mehr, unfassbar viele Chancen zu vervollständigen. Sich komplett machen. Raum geben. Sich selbst und seine weiße Sichtweise abschalten. Sich führen lassen. Und auf die Reise gehen durch Race und Class und all die anderen Weiten, die von den weißen Sichtweisen so großzügig übersehen werden. Immer wieder. Auch heute noch. Immer. Wieder. Schaut. Schaltet auf Empfang. Schickt Senden auf Urlaub.

Shida Bazyar. Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar. Nachts ist es leise in Teheran II
Shida Bazyar. Nachts ist es leise in Teheran II

Nachts ist es leise in Teheran ist das Roman-Debut von Shida Bazyar. Das Buch erschien am 18.02.2016. Ich erwähne das weil ich mich in vielen Passagen versetzt gefühlt habe in die Zeit seit dem September 2022. Seitdem gehen im Iran zuerst junge Frauen auf die Straße, seither alle Bevölkerungsgruppen, sie demonstrieren, gegen das Mullah-Regime und für ihre Freiheit, ein selbst bestimmtes Leben führen zu können im Iran. Dieses Aufstehen gegen das Regime steht in einer historischen Tradition. Schon im Jahr der Revolution, die wir im Westen eine islamische Revolution nennen, waren es doch nicht die Mullahs, die den Schah vertrieben haben.

Shida Bazyars wundervoller Roman schildert Szenen aus einer Familie, sie berichten von den Hoffnungen von Behsad, einem jungen kommunistischen Revolutionär, der 1979 für einen neuen Iran nach der Flucht des Schah kämpft. Behsad findet in diesen unruhigen Zeiten die Liebe seines Lebens, er findet die literaturbesessene Nahid. Bald erleben die beiden Liebenden, wie Freunde inhaftiert werden oder sogar komplett verschwinden und wie ganz allmählich keine neue Zeit anbricht sondern nur ein Unrechtsregime einem anderen nachfolgt. Behsad und Nahid heiraten, sie bekommen Kinder, Behsad muss im Untergrund leben und schließlich, als die Situation zu gefährlich wird, flüchten sie mit ihren Kindern Laleh und Mo.

Shida Bazyar beschreibt das Leben in Teheran und mit jeder Wortsilbe spürt man die tiefe Liebe zu dieser Stadt, zu den Menschen, zu ihrer Familie, sie gibt uns Einblick in eine hochgebildete Gesellschaft und ihren kulturellen Wurzeln. Wir dürfen aber auch dabei sein, wenn Jugendliche auf Hausdächern Parties feiern, wie heiße Tage dort ausklingen, wir dürfen dabei sein, wenn bei unzähligen Familienfeiern die Mütter kochen und sich das auf keinen Fall nehmen lassen. Die entstehenden Gerichte sind soviel mehr als nur Essen. Diese Feiern sind Familie. Das Essen ist gelebte Liebe, das Füreinander-Einstehen ist gelebte Liebe, Das Angst-Haben um Behsad und seine Freunde, die zuerst gegen den Schah und dann gegen die Mullahs und für einen neuen Iran eintreten, wie sie demonstrieren, Flugblätter verteilen, Aktionen organisieren, wie sie endlos debattieren über eine gerechte Zukunft für alle aber auch, wie Behsad das Herz von Nahid gewinnt als sie gemeinsam die Texte von Hāfiz lesen und Rūmī. Shida Bazyar schenkt uns allen in diesem Buch ein unsagbar wertvolles Mosaik, sie erzählt wortmächtig, sensibel und gleichzeitig emotional vier Jahrzehnte Familiengeschichte, die im Iran startet und im Deutschland unserer Zeit endet.

Dieses Buch macht mich demütig und wortlos. Ein großes Buch von einer großen Autorin.

Podcast: Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek. Trauer & Turnschuh

Was soll ich sagen? Meist, wenn es hier ruhiger wird, wird es in meinem Kopf lauter. Mit etwas Glück und richtig kuratiert lenke ich meinen Blick in Richtung von etwas Schönem, etwas Erstrebenswertem. Nicht alles ist neu bzw. muss neu sein. Angestossen wurde alles durch den wunderbaren Podcast Trauer & Turnschuh. Hosts sind Hadija Haruna-Oelker und Max Czollek. Die Idee zum Podcast kam beim Fischer Verlag auf und so entstand ein absolut ungewöhnlicher Erinnerungspodcast. Nein nein, beschaulich ist es hier ganz und gar nicht. Stattdessen ist es höchst lebendig, emotional, lehrreich und vor allem unsagbar erfüllend.

Nach dem Hören der 4. Folge von Trauer & Turnschuh, die Folge heißt In einem Land vor unserer Zeit: Was war Westdeutschland?, musste ich einfach nochmal Eure Heimat ist unser Albtraum zur Hand nehmen. Der Band ist von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegeben und enthält Beiträge von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan Şahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Er ist vielseitig, den Atem raubend, er macht wütend und unsagbar traurig und er ist geschrieben von dem Deutschland, in welchem ich mich wohlfühle. Es sind Beiträge eines Deutschland nach der Migration, es sind Beiträge aus dem postmigrantischen Deutschland. Die Beiträge sind geschrieben von einer Generation die nicht mehr darauf wartet, dass man ihr einen Platz zubilligt sondern die gut ausgebildet Alltagsrassismus erträgt und gleichzeitig dagegen angeht und sich ihren Platz im Leben nimmt. Der Band wurde in 2019 veröffentlicht. Jeder einzelne der Auor*innen begleitet mich, fesselt mich, macht mich demütig und empowered mich unsagbar. Und nach dem Hören der vierten Folge von Trauer & Turnschuh musste ich und wollte ich eigentlich nur nochmal eben den Beitrag von Max Czollek lesen. Aber, wie das so ist, las ich den ganzen Band erneut. Danach sprang ich weiter zu Max Czolleks Versöhnungstheater. Danach war ich ohne Übergang in Czolleks Gegenwartsbewältigung, sprang während des Lesens einmal raus in Richtung einer Folge von Jung & Naiv. Darin erzählt die wundervolle Naika Foroutan über ihre Arbeit und ihr Forschungen über eine postmigrantische Gesellschaft. Ihr ahnt vielleicht was ich als nächstes lese? Liegt auf der Hand: Die postmigrantische Gesellschaft von Naika Foroutan. Klaro, oder?