Über (Eigen)Verantwortung

Zusammengehörigkeit(en)
Zusammengehörigkeit(en)

Bild: Karacis Studio, Unsplash

Ich musste neulich mit dem Zug fahren. Die Fahrt war lang, ich musste einige Male umsteigen. Im ersten Zug betrat ich den Waggon, wollte mir einen Platz suchen, aber egal wohin ich geschaut habe, ich war umgeben von unfreundlichen Gesichtern und unfreundlichen Kommentaren und Gesten. Ich fand nach längerer Suche einen Platz. Neben und vor mir wurde ich begrüßt von unfreundlichen Gesten und Geräuschen und auch als ich schon eine ganze Weile meinen Platz gefunden hatte, habe ich mich unwohl gefühlt. Ich habe meinen Koffer verstaut in eine Ablage, ich habe sorgsam darauf geachtet, nicht zu viel Platz einzufordern.

Glücklicherweise bin ich schon nach gut 30 Minuten umgestiegen. Auch an diesem Bahnhof lief ich am Bahnsteig zu meinem Waggon und stieg erst dann ein. Ein Zugbegleiter lächelte mich an und signalisierte mir mit einem entschuldigenden Lächeln, dass der Zug sehr voll war. Ich habe kurz etwas gesagt, dass das ja zu dieser Reisezeit und auf dieser Strecke erwartbar sei, es sei doch alles prima. Ich bekam ein dankbar strahlendes Lächeln zurück, ging zu meinem reservierten Sitzplatz und bat eine dort sitzende Person, mich auf den reservierten Platz zu lassen. Wir mussten beide lachen und sie meinte, sie wäre nur froh gewesen, ihr ganzen Kram untergebracht zu haben und schaute um sich herum. Wie sich herausstellte, hatte sie eine Platzreservierung direkt neben mir. Zwei Sätze später hatten wir festgestellt, dass wir beide bis zur Endstation bleiben würden und kamen überein, alles beim Alten zu lassen, jeder behielt also seinen Platz, obwohl wir falsch saßen. Wir scherzten und lästerten ein wenig über die unvermeidlich wichtigen Mitreisenden, die man schon an ihren Blicken erkennen könne und, oft, auch an der Laustärke ihrer Äußerungen. War das nun ein Verhalten, dass, wenn es mehr Leute leben würden, uns alle umbringen würde? Ich meine nein. Schaut ihr selber lieber in entspannte Gesichter oder in verkrampfte, unentspannte, Gesichter? Werdet ihr lieber angblafft oder macht es mehr Spaß, sich entspannt ein wenig zu unterhalten?

Ich will ehrlich sein, ich habe mir diese Zugfahrt ausgedacht. Sie hat allerdings so oder ähnlich in der Vergangenheit immer wieder stattgefunden. Auf was ich eigentlich hinaus will: Natürlich gibt es Momente, wo es schwer ist, sich zu beherrschen, aber meistens könn(t)en wir bestimmen, wie wir auf die Welt um uns herum (ein)wirken. Nun geht es mir nicht zuerst darum, wie wir uns in Zügen aufführen (obwohl das sicher auch einen Artikel wert wäre), ich habe die Situation oben als Gleichnis geschildert. Momentan ist unser gesellschaftliches Zusammenleben oft geleitet von einem Gefühl des Jeder-Gegen-Jeden. Dabei kann am Ende niemand gewinnen, wirklich niemand. Wir sollten uns, meiner Meinung nach, wieder bewusst machen, dass es einen Unterschied ausmacht, ob wir uns freundlich gegenübertreten und geprägt von einem Gefühl von Respekt. Dieser Respekt steht jedem Gegenüber zu. Dieser Respekt ist keine Zustimmung zu abweichenden Haltungen und Meinungen, es heißt auch nicht, dass Menschen unbestraft bleiben sollen, wenn sie gegen Regeln verstoßen haben. Im Gegenteil. Aber, respektvolles Verhalten öffnet Möglichkeiten und manchmal sogar ganze Welten. Wenn wir einander zuhören und andere Standpunkte zulassen, wird auch die eigene Welt größer und wir finden Lösungen, die am Ende mehr Menschen helfen und wo mehr Menschen spüren, dass sie gesehen und mitgedacht sind.

Wir müssen raus aus dieser Sackgasse, dass jeder Andere der Feind ist. Gehen wir diesen Weg weiter, wird nicht niemand gewinnen, sondern es wird am Ende jeder Einzelne verlieren. Wollen wir das? Dies ist kein Beitrag zum Wort zum Sonntag. Die Veränderung, die ich meine, durchdringt jede einzelne Begegnung, jede Mail, jede Chat-Antwort, das Gespräch, dass ich beim Bestellen meiner Backwaren beim Bäcker führe (zolle ich Respekt oder bin ich der Laiendarsteller im Spiel „Mr. Wichtig bestellt“), wie begegne ich der Zugbegleiterin? Wie schreibe ich die nächste Mail an einen Kolleg*in? Wie führe ich mich im Straßenverkehr auf? Ihr könnt das weiter durchdeklinieren. Jedes Gespräch ist wichtig, jede Geste zählt. Bin ich Teil einer Lösung oder bin ich Teil des Problems?

Ich bin sicher, ihr wisst, was ich meine, also: Bringt die Menschen zum Leuchten und nicht zum Schweigen.

Veröffentlicht von

Me NEW

Markus

Kein Neuanfang. Ein immer wieder Neuanfang. Nein, ich habe keine smarte Definition. Das hier hieß mal anders, davor hieß es nochmal anders und davor wars leidlich erfolgreich. Ich habs kaputt gemacht und zwar mit voller Absicht. Will ich keine Leser? Doch! Nein. Hm, das ist schwierig. Ich will die Richtigen. War gar nicht so schwierig, oder? Kann aber eben auch nur ich wirklich verstehen. Oder vielleicht verstehe ich es auch gar nicht so richtig. Fazit: Wenn es euch gefällt ist doch alles gut, oder?

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