Selma Wels (Hg.). anders bleiben. Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten

Es ist schwer optimistisch zu sein in diesen Zeiten. Mag sein, dass wenn diese Zeilen von anderen gelesen werden, dass Leser das anders sehen. Mein Alltag ist geprägt von Gedanken über das Zusammenleben in Deutschland. Wir stehen kurz vor dem 19.02.. Dann jährt sich der Anschlag von Hanau erneut. Der Vater des Täters bedroht, so konnte man es erst in den letzten Wochen wieder lesen, die Hinterbliebenen, er nähert sich den Räumlichkeiten der Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Er darf das nicht, tut es aber trotzdem. Von Polizei und Staatsanwaltschaft hört man darüber Statements, bei denen ich das Achseln-Zucken geradezu sehen kann. Wie kann das sein? Ich könnte jetzt weitermachen mit der Nennung unzähliger rassistischer Übergriffe und mehr. Und ich sehe, wenn ich U-Bahn oder S-Bahn fahre, was Alltags-Rassismus ist.

Entschlossenheit. Mut. Kompetenz

In diesen Tagen lese ich viel. Bücher sind meine ganz persönliche Schutzzone. Gerade hat Selma Wels anders bleiben herausgebracht. Darin schreiben viele Autor*innen Briefe. Diese Briefe sind bewegend, sie sind unsagbar einfühlsam, sie rütteln auf, sind aber vor allem geprägt von einer unerhörten Kraft, von Wissen, vom Willen sich den Platz im Leben, den sich jeder Einzelne erkämft hat, zu verteidigen. Eine Generation steht auf den Schultern ihrer Eltern, Onkels, Tanten, Großeltern und sie stehen auf den Schultern ihrer Herkunfs-Kulturen. Allen gemein sind Geschichten vom Ankommen, es sind Geschichten vom Hier-Sein, es sind Geschichten vom Hier-Geboren-Sein-Und-Doch-Nicht-Akzeptiert-Sein, es sind aber vor allem Geschichten vom stoischen und hartnäckigen Bauen an Zukunft, es sind Geschichten vom Verwurzeln und es sind Geschichten davon, dass Wurzeln sich weit verbreiten können, nicht selten über Erdteile hinweg. Die Briefe strahlen förmlich Wort für Wort, Gedanke für Gedanke und ich lese sie und finde dort die Zukunft, von der ich schon so lange träume. Zusammen Leben. Unterschiede als das sehen was sie sind: Eine große, unfassbare Stärke.

Und eben weil wir auf den Jahrestag des Anschlages von Hanau zugehen und weil jeder Tag ein Tag des Dran-Denkens ist, #saytheirnames:

Said Nesar Hashemi
Hamza Kenan Kurtović
Ferhat Unvar
Sedat Gürbüz
Fatih Saraçoğlu
Gökhan Gültekin
Vili Viorel Păun
Mercedes Kierpacz
Kaloyan Velkov

Şeyda Kurt – Radikale Zärtlichkeit

Şeyda Kurt. Radikale Zärtlichkeit
Şeyda Kurt. Radikale Zärtlichkeit

Und gleich noch ein Buch. Und ich warne euch vor. Das ist ein Buch, was mich aus den Socken gehauen hat. Şeyda Kurt – Radikale Zärtlichkeit. Ich lernte Şeyda Kurt über ihre Texte auf ze.tt kennen. Und als dann ihr Buch erschien war ich einfach neugierig. Und wurde umgehauen. Selten lese ich Texte mit derart strahlender, reflektierter Klarheit und immer wieder musste ich an Audre Lorde denken. Auch bei ihren Texten und Gedichten findet sich diese entwaffnende Klarheit im Denken und in der Sprache und eine Kraft, die in mir einfach nur sprachloses, glückliches Staunen auslöst. Wie ihr drüben im Bild seht war ich faul und habe mir das Buch, eingelesen von der Autorin selber, angehört. Sie selbst liest ein bzw. vor und das gibt dem Text nochmal mehr eine persönliche Note. Aber, worum geht es?

In Radikale Zärtlichkeit geht es um Liebe vs. Zärtlichkeit, es geht um die klassische monogame Zweierbeziehung vs. offenere Beziehungsformen, es geht um das Thema wer oder was ist Familie und wer oder was sollte Familie sein (dürfen) und es geht um Ehrlichkeit und den Willen trotz dieser Ehrleichtkeit Menschen nicht zu verletzen. Und wenn ihr jetzt denkt, dass das dröge klingt, dann seid ihr sowas von auf dem Holzweg. Ich habe die Kapitel veschlungen, fühlte mich ertappt. Kurts Ideen sind mir vertraut und fremd, sie geben Antworten die nicht beschränken und ausgrenzen sondern die Zusammen – Sein in vielfältigen Formen ermöglicht, neue Zusammenhänge schafft und endlich aufhört damit, Menschen zu bestrafen dafür, sich einer Norm zu entziehen, die für sie vor allem Leid bedeuten würde. Im Buch geht es um Feminismus aber nicht alleine, es geht vor allem darum zu vertrauen und auch darum zu lernen zu den Wünschen zu stehen, die man für richtig hält. Kurz: Es ist definitiv eines meiner Bücher 2021.