Navid Kermani – In die andere Richtung jetzt

Navid Kermani - In die andere Richtung jetzt
Navid Kermani – In die andere Richtung jetzt

Navid Kermani. Meine erstes Mal war Entlang den Gräben – Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan. Damals hatte mein Vater das Buch gelesen und war davon sehr angetan. Mein Vater war nicht einfach zu begeistern, aber ich spürte, wie tief ihn dieses Buch berührt hat. Er schenkte mir auch ein Exemplar. Ich kam schwer rein in den Text, weil ich damals sehr abgelenkt war vom eigenen Leben. Viele Veränderungen, viele offene Brüche und dann dieses Buch. Ich sage es ganz unsachlich und undifferenziert: Ich habe mich verliebt in die Menschen und ihre Geschichten aus diesem Buch und mit der Zeit und mehr Aufmerksamtkeit verliebte ich mich auch in den Autor.

Viele Jahre später höre ich nun In die andere Richtung jetzt – Eine Reise durch den Osten Afrikas an. Der Ton des Textes ist leise, nachdenklich, der Ton ist auch geprägt von vielen Reflexionen von Navid Kermani. Seine Gedanken sind weit greifend, seine Welten sind groß und umfassen viele Jahrtausende Geschichte, sie umfassen dazu viel neuere Geschichte und rechnen ein, was uns die letzen Jahrzehnte gebracht haben an Erfahrungen. Es sind zumeinst keine guten Erfahrungen. Wir lesen von Kriegen, wir erfahren von Auseinandersetzungen und ihren grausamen Auswirkungen auf Menschen und trotzdem erzählt der Autor immer mit dem Blick eines wohlwollenden, offenen Menschen. Er erzählt von Menschen, die er auf seiner Reise getroffen hat und die, obwohl sie allen Grund haben, auch nicht verbittert sind. Aus all den Erzählungen der Menschen, die Kermani traf, entstehen allerdings Fragen, es sind Fragen an den Westen und den Osten ohne den es viele Auseinandersetzungen und Kriege nicht gegeben hätte, es sind Fragen nach Verantwortung für das Gestern, aber auch Verantwortung bis in das Heute hinein.

Navid Kermanis Reise stellt Fragen, aber ich verstehe dieses Buch vor allem als ein Buch, das Antworten gibt. Mehr als 10 Jahre nach Entlang den Gräben – Eine Reise durch das östliche Europa bekommen wir einen Einblick, wieso sich Menschen auf lange Reisen begeben, um im Westen neu anzufangen. Wir bekommen Antworten, welche Motivation sie antreibt. Sie laufen los und meist treibt sie an, dass sie einen friedlichen Platz zum Leben finden wollen für sich und ihre Kinder. Navid Kermani zeigt vor allem, welche Würde diese Menschen ausstrahlen. Einmal mehr erweitert er damit meinen Horizont und er tut dies auf seine unnachahmliche Art und Weise, immer getrieben von einer tief zugrundeliegenden Menschlichkeit.

Lest dieses Buch!

Pascal Mercier. Nachtzug nach Lissabon

Foto: J Paulo Mag, Unsplash

Ich trage den Namen Pascal Mercier schon so lange mit mir herum. Und wusste weder, dass dies ein Pseudonym ist und der Autor tatsächlich der Schweizer Philosoph Peter Bieri ist, noch, um was es geht im Nachtzug nach Lissabon. Ich habe diesen Titel immer mit bestimmten Assoziationen verbunden. Und weil meine Art und Weise, auf Autoren zuzugehen, eigenartig ist, kann es passieren, dass ich, wenn ich die Autoren, die jeweiligen Menschen und ihre Texte, konkret in den Blick nehme, dann kann sich herausstellen, dass sie ganz anders sind und das meine Schlagworte, unter denen ich sie abgelegt habe, gar nicht stimmen.

Pascal Mercier und sein Nachtzug nach Lissabon habe ich abgelegt mit den Schlagworten: Französischer Autor von Gegenwartsliteratur. Das Buch habe ich abgelegt unter: Geschichte, die mit einer großen Melancholie erzählt ist und die Hauptfigur zeigt sich als eine Bewahrer von altmodischen Werten. Teilweise stimmen die zugeordneten Schlagworte. Teilweise liege ich meilenweit daneben. Bei den zugeordneten Welten liege ich nicht vollkommen daneben. Was die Herkunft des Autors angeht, so habe ich mich vertan, viel deutlicher ist der Irrtum aber da, wo ich Bieri verorte, als Mensch. Ein Philosoph. Ein Autor, der in anderen (Gedanken)Welten aufwuchs. Und beim Lesen habe ich nun zwei vollkommen andere Autoren im Kopf und eine sehr vorläufiges zusätzliches Schlagwort. Ich denke beim Lesen immer wieder an Hermann Hesse und ich denke auch ein wenig an Umberto Eco. Dass Denken an Eco hat nichts mit dem Inhalt der Geschichte aus Nachtzug nach Lissabon zu tun, ich denke vielmehr an den Hintergrund beider Autoren. Natürlich war Eco zwar auch ein Philosoph, er war aber vor allem anderen ein sehr angesehener Semiotiker. Wofür ich ihn sehr liebe, nach wie vor. Und Hermann Hesse? Hesse hatte als Hauptfiguren oft Lehrer-, Meister- oder Schülerfiguren, die sich auf der Suche befanden und dabei oft in Welten zwischen Philosophie und Glaube eingetaucht sind. Und, und hier komme ich dem Attribut bzw. dem Schlagwort, dass ich sowohl bei Hesse als auch bei Mercier finde: Frauenfiguren, die schön sind, sonst aber in der Beschreibung blass bleiben. Vielleicht war Hesse da ein Kind seiner Zeit und auch der Welten, in die er sich hineinbegeben hat. Bei Bieri will ich noch nicht zu viel sagen, weil dies mein erstes Buch ist von ihm, aber möglicherweise ist die Herkunft aus einer vom Calvinismus geprägten Region mit konservativen Werten Grund für seine Haltung(en).

Sharon Dodua Otoo. Adas Raum

Ein besonderes Buch. Ich liebe die Geschichte(n) der Adas sehr. Mit Ada zu leben heißt, in einem Moment Ekel zu verspüren und Scham und ein paar Seiten später hast Du unwillkürlich Magenkrämpfe und Tränen in den Augen und wenige Sätze weiter sind da wieder Tränen, dieses Mal aber weil Du lauthals lachen musst. Ich liebe die vielen Blickwinkel aus denen erzählt wird. So entstehen viele unterschiedliche Bilder und jedes einzelne Bild ersteht aus dem eigenen Herkunfts- und Erfahrungshintergrund. Ich kann einfach nicht aufhören zu lesen. Jetzt habe ich Adas Raum schon zum dritten Mal gelesen (jaaa, ihr schaut da oben wieder auf ein Hörbuch aber, natürlich habe ich auch eine Buchausgabe) und verliebe mich immer weiter in den Text, in die Figuren, versetze mich in andere Zeiten, werde versetzt auf andere Kontinente, springe von Welt zu Welt und von einer Epoche in eine andere und ich springe auch in ganz unterschiedliche Kulturen. So viel Tiefe. So viel Schmerz. Aber, eben immer wieder auch: Abgründiger, tiefer Humor. Da steckt eben auch ganz viel von Sharon Dodua Otoo’s Wesen drin. Glaube ich. Sie ist klug und Sharon ohne Humor, das kann ich mir nach dem Dabei-Sein-Dürfen bei einigen Lesungen und auch nach dem Anhören von einigen Interviews, irgendwie nicht vorstellen. Was soll ich sagen: Ein Lieblingsbuch. Und eine Autorin die ich sehr mag und von der ich noch Einiges erhoffe. Aber, hey, kein Druck. 😉