Bernardine Evaristo. Mr. Loverman

Mr. Loverman steht schon länger auf der Liste. Und endlich habe ich es geschafft und habe mir das Buch vorlesen lassen, von Walter Kreye. Ich habe vermieden Rezensionen zu lesen, weil Einschätzungen mich nicht selten davon abhalten, die Geschichten unvoreingenommen zu lesen, zu hören oder anzuschauen. Jedenfalls tat ich mich zunächst schwer mit dem Buch und unterbrach einen früheren Versuch, dass Buch zu lesen. Ich vermute, dass mir einmal mehr meine eigene Erwartungshaltung im Wege stand. Evaristo, deren Buch Mädchen, Frau etc. mich beim Lesen einfach nur begeistert hat, legt hier ja nun ein Buch vor, dass zwar jetzt auf Deutsch erschien, dass aber älter ist als Mädchen, Frau etc.. Ich weiß nicht genau, ob Evaristo ihren Erzählstil noch verfeinert hat oder ob sie einfach so wandelbar ist, dass das Thema des Buches den Erzählstil vorgibt. Jedenfalls gab sich der Text auf den ersten Seiten spröde. Ich hielt dieses Mal aus und hörte weiter zu. Und was soll ich sagen: Nach einigen Seiten nimmt das Buch Fahrt auf.

Erzählt wird die Geschichte von Barrington, kurz Barry. Er wanderte aus Antigua aus und ging nach London, baute sich dort ein behagliches Leben auf, hat zwei erwachsene Kinder und ist mit seiner Frau Carmel seit 50 Jahren verheiratet. Das alles hört sich sehr harmonisch an, doch Barry hat ein Geheimnis, er liebt seit Kindertagen seinen Freund Morris. Barry will sich von Carmel trennen und endlich ein gemeinsames Leben führen mit Morris. Das ist der Plot. Evaristo erzählt eine zutiefst humorvolle Geschichte von Altlasten und dem Wunsch Barrys, endlich mit Morris zusammenzuleben.

Bernadine Evaristo schafft es sprichtwörtlich auf jeder Seite, dass man ein stilles, wissendes Lächeln im Gesicht hat, denn da werden entstandene Lebenslügen und sinnvolle Kompromisse in einem dermaßen lakonischen Ton erzählt und mit einer Weisheit und Gelassenheit, dass man die Charaktere sofort ins Herz schließen muss. Und Walter Kreye schafft es, einen eigenen Ton in die Story einzubringen. Zuerst habe ich mich gefragt, ob Kreye mit seiner Art des Lesens die richtige Wahl ist, doch schon nach wenigen Hörminuten war ich überzeugt. Mr. Loverman macht großen Spaß und ist kurzweilig, man sollte unbedingt die ersten Seiten investieren, denn rollt die story erst, kann man nicht mehr aufhören mit Lesen/Anhören. Und so denke ich, dass ich in 2025 mein erstes Lieblingsbuch gefunden habe.

Yandé Seck. Weisse Wolken

Yandé Seck. Weisse Wolken
Yandé Seck. Weisse Wolken

Yandé Secks Buch hat mir noch einmal mehr klargemacht, wie sehr ich Frankfurt liebe und Offenbach. Dabei schreibt Seck natürlich keinen Stadtführer. In Weisse Wolken erzählt Seck von den beiden Schwestern Dieo und Zazie. Dieo macht eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin und lebt mit Simon und ihren drei Kindern im Nordend von Frankfurt. Dieo kämpft täglich mit den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, die vielfach auch ihre eigenen Ansprüche sind. Ihre Schwester Zazie studiert noch in Frankfurt und lässt Dieo aber auch alle anderen Menschen in ihrem Leben die Wut spüren, die sie in sich trägt und bei der es um Themen wie Rassismus, Feminismus und Teilhabe geht. Zazie will am liebsten allen auf einmal klarmachen, dass Veränderungen viel schneller gehen müssen. Das belastet die Beziehung zu ihrer Schwester, manchmal steht die Wut Zazie’s aber auch ihrem eigenen Fortkommen im Weg. Als Papis, der Vater von Dieo und Zazie plötzlich stirbt, stehen alle Leben für einen Augenblick still. Papis stammt ursprügnlich aus dem Senegal und schnell wird klar, dass seine Beerdigung dort erfolgen soll. Dieo und Zazie fliegen in das Leben ihres Vaters, es wird ihnen zum ersten Mal bewusst, wie sehr sie ein Teil einer Gemeinschaft sind, sie spüren die tiefen Wurzeln ihrer Familie. Papis Beerdigung wird zu einem Wendepunkt und auch zu einem Neuanfang für Dieo, Zazie, Simon und Max. Yandé Seck. Weisse Wolken weiterlesen

Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit

Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit
Elisabeth Young-Bruehl. Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit

Was soll ich sagen. Diese Biografie ist ein Klassiker und ich bin begeistert davon, wie sehr es Elisabeth Young-Bruehl schafft, das Gefühl zu vermitteln für diese Zeit. Und Hannah Arendts Lebensweg ist ohnehin eine permanente Begegnung mit Menschen, die mich schon seit vielen Jahrzehnten faszinieren. Ich las die Biografie schon einmal. Damals war ich 20 Jahre alt, vielleicht auch 21. Wie wenig ich damals begriffen habe, weil mir die Verbindungspunkte fehlten. Jetzt, mehr als 30 Jahre später sind viele Zeitzeugen von Hannah Arendt Teil meiner Gedankenwelt. Die Beschäftigung mit Israel und den Vorgeschichten, die zur Gründung geführt haben beschäftigen mich gerade auch wieder sehr. Dazu später mehr und an anderer Stelle. Diskussionen, die ich nun aus einer Persepktive des gefühlten Dabei-Seins wahrnehme, die vielen Querverweise auf Autoren und Bücher, die ich noch lesen will oder die ich wieder lesen will. Arendt wird auch heute gefühlt immer noch mit der Eichmann-Kontroverse identifiziert und viel zu oft auf diese reduziert. Dabei war sie so viel mehr. All die Texte, die sie schrieb, all die Briefe, die sie oft über Jahrzehnte mit, ich will fast sagen, der ganzen Welt, verbunden hat, immer wieder. Ihre unfassbare Lehrtätigkeit. Die New School, die Columbia, ein so reiches Leben. Ich habe dank der Mittel, die wir heute haben, via Maps nachvollzogen, wo sie mit Heinrich Blücher gelebt hat, wie die Wege waren zur Columbia oder später zur New School oder an andere Wirkungsstätten. Was für eine Reise! Das Buch ist faszinierend aber vor allem strahlt Hannah Arendt in meinem Kopf. Es wird ihr ja heute abgesprochen, aber ich halte sie für eine intersektional denkende Feministin (sie selbst hatte so ihre Probleme mit diesem Begriff). Sie schrieb keine feministischen Essays, aber sie lebte ein offensiv selbst bestimmtes Leben und hat sich das von Niemandem absprechen lassen.