Posteingang: Asal Dardan. Traumaland

Es ist angekommen. Und ausgepackt. Und es ist soooo schön. Natürlich habe ich es noch nicht gelesen. Aber, da gibt es eine Option, weil ich zeitnah fertig werde mit meinem aktuellen Büchern. Und dann wäre da Raum und Zeit. Und die will ich, will ich, will ich mir unbedingt nehmen.

Asal Dardan, geboren 1978 in Teheran, ist in Cöllefornia, Bonn und Aberdeen aufgewachsen und hat Kulturwissenschaften (in Hildesheim) und Nahoststudien (in Lund) studiert. Ich wurde durch den Essayband Betrachtungen einer Barbarin auf sie aufmerksam, über den ich noch nicht geschrieben habe. Was erlauben Markus?

 

Georges Simenon. Maigret. Die Fälle 0 – 6

Foto: DAV

Meine Mutter mochte die Krimis um den Kommissaren Maigret, der ewig brummelnd, stoisch seine Fälle aufklärte. Damals war ich ein Kind und verbrachte mein Lese-Leben mit Asterix & Obelix. Viel später bekam Maigret ein Gesicht und eine Figur. Bruno Cremer spielte Maigret in einer französischen Serie und wenn ich heute, Jahrzehnte später, an die Figur Maigret denke, hat sie für mich immer noch viel von Bruno Cremer.

Der Audio Verlag. Ja, ich gehe meiner großen Vorliebe nach, Bücher anzuhören. Hier in Deutschland liest Walter Kreye die Bücher und ich mag seine Stimme und auch, was Kreye der Figur mitgibt. Da ist wieder diese Wärme, da ist eine aus der Zeit gefallene Sperrigkeit, die ich sehr mag. Wobei gilt: Wir sprechen von Büchern, die in den 1930er Jahren geschrieben wurden und so bekommen die Texte auch aus dieser Perspektive nochmal einen ganz eigenen Reiz. Allerdings sind die Texte nicht politisch. Maigret steht für Eigenständigkeit, er lässt sich nicht gerne rein reden in seine Arbeit und manchmal entscheidet er, dass manche Taten keine Strafverfolgung brauchen, sondern Täter schon genug gestraft sind. Vielleicht ist das ja schon sowas wie eine politische Haltung. Jedenfalls, wenn ich heute die Fälle anhöre, dann tauche ich ein in eine ganz andere Zeit. Da fällt mit heutigen Ohren angehört auch auf, dass manches Bild einer Frau eher stereotyp gezeichnet ist und auch andere Figuren gezeichnet sind, wie das eben damals empfunden wurde. Der Verlag hat hier, wenn ich es richtig deute, nicht korrigierend eingegriffen. Georges Simenon war ein Vielschreiber, es fällt auf, dass die Plots oft daherkommen wie ein Fünf-Personen-Stück. Der Fokus liegt auf den Figuren, die Szenerie spielt durchaus eine Rolle, sie wird oft aber nicht zu detailliert gezeichnet. Beim Zuhören habe ich mich gefragt, ob das ein Zugeständnis an das schnelle Schreiben war oder ob Simenon seine Figuren absichtlich so gezeichnet hat. Ich muss gestehen, ich habe es nicht recherchiert. Manchmal muss man auch nicht alles komplett genau wissen. Unschärfe kann auch helfen, einen Fokus zu kreieren. Hm.

In 33 Stunden und 10 Minuten werden die folgenden Fälle erzählt:

  • Maigret im Haus der Unruhe (0. Fall) 
  • Maigret und Pietr der Lette (1. Fall) 
  • Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet (2. Fall) 
  • Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien (3. Fall) 
  • Maigret und der Treidler der Providence (4. Fall) 
  • Maigret und der gelbe Hund (5. Fall) 
  • Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes (6. Fall) 

 

Auf der Website des DAV sind Maigret und der gelbe Hund und Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes andersherum angegeben. Tatsächlich stimmt die von mir angegebene Reihenfolge aber jedenfalls zum Zeitpunkt des Downloads im Januar 2025. Eine kleine Kritik habe ich aber schon. Der Verlag nennt keinerlei Hinweis, wo welcher Fall anfängt oder aufhört und die Dateien sind einfach durchnummeriert von 1 bis 639. Das ist nicht eben besonders gut zu benutzen. Was bei dem aufgerufenen Preis doch recht schade ist. Aber, hey, ich bin ein Fan, mit mir kann man das machen.

Na, jedenfalls habe ich mir Die Fälle 7 bis 12 auch schon geangelt. In diesen Zeiten brauche ich ab und an Pausen zwischen den Magenkrämpfen.

Mithu Sanyal. Antichristie

London 2022, Königin Elisabeth II ist tot! Es herrscht Ausnahmezustand. Durga ist gerade angekommen in London. Sie ist die Tochter eines Inders und einer Deutschen, sie arbeitet als Drehbuchautorin und wurde eingeladen in einen Writers-Room. Dort versammelt sich eine kleine Gruppe von Filmleuten. Ein Agatha-Christie-Krimi soll neu verfilmt werden. Die Gruppe thematisiert, wie man den Stoff angemessen aufarbeitet, wie man dem in den Büchern allgegenwertigen Kolonialismus begegnen soll, ohne die Über Autorin und Queen Of Crime zu beschädigen, gleichzeitig aber doch auch Neubewertungen einfliessen lassen zu können. Durga erliegt den Eindrücken, die die anderen aus der Gruppe einwerfen, sie träumt sich weg und findet sich plötzlich im London des Jahres 1906. Sie trifft auf junge indische Revolutionäre, auch auf den jungen Mohandas Ghandi und wird als Sanjeev Chatterjee alias Doctor Durga Teil vieler Geschichten und Gespräche. Soweit der Plot..

Mithu Sanyal hat mit Antichristie ein Buch geschrieben über Kolonialismus. Das klingt trocken, das Buch ist dies tatsächlich auf keiner einzigen Seite. Im Gegenteil wird man Zeitzeuge der Gedankenwelt junger indischer Revolutionäre, die über ganz verschiedene Denk- und Glaubensrichtungen kommen, keine Stimme wird klein gemacht oder ausgeblendet, einig ist man sich nur im Ziel, die Engländer loswerden zu wollen. Gleichzeitig verbirgt sich im Buch auch noch ein Mordfall, der mithilfe des historischen Sherlock Holmes recherchiert wird. Auch hier werden Zöpfe abgeschnitten. Keine Spur von Ehrfurcht vor Sherlock Holmes oder seinem Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, keine Scheu im Umgang mit großen Figuren oder Bewertungen der Mehrheitsgesellschaft. Stattdessen führt Sanyal den Leser immer wieder an Positionen, um Situationen aus diesen für die weiße Mehrheitsgesellschaft neuen Perspektiven anzuschauen. Und das alles geschieht mit großem Spaß, weil die Autorin kurzweilig erzählt, immer den Schalk im Nacken hat und es schafft, Klugheit einzubauen ohne das es besserwisserisch rüberkommt. Es ist ein tolles, tolles Buch, ich habe jede Seite genossen. Halt! Ich habe es angehört. Die Hörbuchversion wird von der Schauspielerin Melika Foroutan eingelesen. Was für ein großer großer Spaß! Definitiv Lieblingsbuch forever.

Foto: Hanser-Literaturverlage