Hengameh Yaghoobifarah. Ministerium der Träume

Ich muss über Das Ministerium der Träume schreiben. Ich muss einfach. Weil ich niemals zuvor etwas gelesen habe, dass dermassen viel Kraft ausstrahlt und gleichzeitig so sehr fassungslos macht und traurig. Und ich wusste lange Zeit einfach nicht, was ich wie schreiben wollte. Deshalb veröffentliche ich diesen Text erst jetzt. Zufrieden bin nicht wirklich mit meinem Text aber ich will es veröffentlichen. Gelesen & Gehört habe ich den Roman schon im Herbst 2022.

Hangameh Yaghoobifarah erzählt die Geschichte einer Familie, sie erzählt von einer Mutter die da ist und doch nicht da ist und einem Vater, der tot ist und nur noch in Erinnerungen vorhanden ist. Sie erzählt die Geschichte zweier Schwestern, Nas und Nushin. Nushin ist tot. War es ein Unfall oder nahm sich Nushin das Leben? Die Polizei sagt, es sei ein Unfall gewesen. Nas wird beinahe verrückt vor Trauer aber, sie darf nicht verrückt werden, denn Nushin hat eine Tochter und Nas will, auch wenn ihr Leben so gar nicht eingestellt ist auf ein Kind, sie will einfach unbedingt da sein für ihre Nichte. Sie schaut zu wie diese sich verschließt vor ihr, wie sie sie anlügt, Nas zutiefst verletzt. Und doch weicht Nas nicht den Bruchteil einer Sekunde von ihrer Seite. Und dann nimmt die Geschichte nochmal zusätzlich Fahrt auf. Beinahe glaubt man sich in einem Thriller aber, dieses Buch ist so viel mehr als ein Thriller. Es ist eine Geschichte von Zusammenhalt, es ist auch eine Geschichte, die eine dunkle Seite Deutchlands zeigt (das ist ein blöde und plumpe Andeutung aber, ich will hier eben auch nicht spoilern). Und immer wieder Schwesternschaft, Zusammenhalt und große Zugehörigkeit zeigt für die selbst gewählte Familie.

Was ist das nur für eine Geschichte? Und was ist das für eine unglaubliche Erzählerin? Ich bin verliebt. Übrigens ist das Hörbuch eingelesen von der wundervollen Susan Zare.

Fiston Mwanza Mujila. Tram 83

Ein Buch über das Wiedersehen zweier alter Freunde. Lucien, ein Schriftsteller ist geflohen vor Erpressung und Zensur trifft Requim wieder, der ein Leben als Kleinkrimineller führt, sich aber eigentlich nur durch sein Leben schlawinern will und muss. Ein dritter Protagonist oder eigentlich für mich der Hautprotagonist ist das Tram 83, ein Club in dem das Leben aus allen Nähten pulsiert. Die Geschichte wird von Fiston Mwanza Mujila im Tempo von Salsa, Rumba und afrikanischem Jazz erzählt. Die Stimmung ist aggressiv und gereizt, Mujila erzeugt eine geradezu hitzige Stimmung, das Leben ist laut und fordernd. Im Tram 83 treffen Lebenskünstler, Minenarbeiter, Studenten, Revolutionäre und internationale Gäste mit geschäftlichen Absichten und wenig Moral aufeinander. Ich habe das Buch fast an einem Stück gelesen, ich konnte es einfach nicht beiseite legen. Ich erfahre eine rasante Geschichte, ich erfahre vor allem eine Erzählperspektive die eben nicht die koloniale, europäische Sicht auf das Leben der Menschen erzählt, sehr wohl bekommen Europäer aber mitgeteilt, was sie angerichtet haben und weiter immer noch anrichten. Ich bin begeistert von den Figuren, ich bin begeistert davon, wie Mujila die Geschichte, die Figuren und die Musik verknüpft. Fazit: Ich will mehr!

Sharon Dodua Otoo. Adas Raum

Ein besonderes Buch. Ich liebe die Geschichte(n) der Adas sehr. Mit Ada zu leben heißt, in einem Moment Ekel zu verspüren und Scham und ein paar Seiten später hast Du unwillkürlich Magenkrämpfe und Tränen in den Augen und wenige Sätze weiter sind da wieder Tränen, dieses Mal aber weil Du lauthals lachen musst. Ich liebe die vielen Blickwinkel aus denen erzählt wird. So entstehen viele unterschiedliche Bilder und jedes einzelne Bild ersteht aus dem eigenen Herkunfts- und Erfahrungshintergrund. Ich kann einfach nicht aufhören zu lesen. Jetzt habe ich Adas Raum schon zum dritten Mal gelesen (jaaa, ihr schaut da oben wieder auf ein Hörbuch aber, natürlich habe ich auch eine Buchausgabe) und verliebe mich immer weiter in den Text, in die Figuren, versetze mich in andere Zeiten, werde versetzt auf andere Kontinente, springe von Welt zu Welt und von einer Epoche in eine andere und ich springe auch in ganz unterschiedliche Kulturen. So viel Tiefe. So viel Schmerz. Aber, eben immer wieder auch: Abgründiger, tiefer Humor. Da steckt eben auch ganz viel von Sharon Dodua Otoo’s Wesen drin. Glaube ich. Sie ist klug und Sharon ohne Humor, das kann ich mir nach dem Dabei-Sein-Dürfen bei einigen Lesungen und auch nach dem Anhören von einigen Interviews, irgendwie nicht vorstellen. Was soll ich sagen: Ein Lieblingsbuch. Und eine Autorin die ich sehr mag und von der ich noch Einiges erhoffe. Aber, hey, kein Druck. 😉